"Kleine Zeitung" Kommentar: "Noch keine Enthauptung" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 29.06.2003

Graz (OTS) - Die Koalition wird auch nach Deutschlandsberg "mit
der Bombe leben müssen".

Totgesagte leben länger. Herbert Haupt, der nuschelnde Teddybär, hat die Nadelstiche und Querschläge aus seiner Kärntner Heimat überstanden. Vorerst zumindest. Denn auf einen
dauerhaften Waffenstillstand oder gar einen ewigen Frieden kann er nicht bauen.

Dass der Sturmangriff Jörg Haiders vor der Deutschlandsberger Burg zum Stillstand gekommen ist, war eine Überraschung. Der "Stern des Südens" hatte so ungestüm fordernd seinen
Machtanspruch erhoben, dass selbst ein Aufschub des Obmannwechsels unwahrscheinlich schien.

Haupt zeigte allerdings Steher- und Nehmerqualitäten, über die offenbar nur jemand verfügt, der zahllose persönliche und politische Schicksalsschläge überstanden hat. Wie die
verschmähte Braut wollte er sich nicht vom Tanzboden schicken lassen. Auch und schon gar nicht von Haider, mit dem ihm eine jahrzehntelange Freundschaft verbindet und den er
insgeheim sicher als den eigentlichen Parteiführer anerkennt.

Haupt hat sich zäh und erfolgreich gegen die Enthauptung gewehrt. Die geheime Abstimmung im Parteivorstand war ein geschickter Schachzug, der Haiders Schergen matt setzte. Nur
vier Gegenstimmen waren ein deutliches Votum für Haupt und gegen Haider. In einer offenen Abstimmung in Anwesenheit des Kärntner Landeshauptmannes hätte manchen Vorständler
vermutlich der Mut verlassen.

Aber: Hat der Vizekanzler mit der Schlacht auch schon den Krieg gewonnen? Wielange hält der in einer normalen Partei selbstverständliche Beschluss, dass der
gewählte Parteiobmann bis zum regulären Parteitag im nächsten Jahr Parteiobmann bleiben soll?

Die FPÖ ist eben keine normale Partei und Haider ist auch kein einfaches Parteimitglied. Wenn über den Sommer Ruhe einzieht, hat Haupt schon viel
erreicht. Im Herbst folgen die Landtagswahlen in Tirol und Oberösterreich. Spätestens Ende September wird die Obmanndiskussion wieder ausbrechen, weil nur ein Wunder die Blauen vor
neuerlichen Schlappen bewahren kann. Dann werden auch jene, die Haupt jetzt die Treue gehalten haben, in den Ruf nach der Rückkehr des vermeintlichen Messias einstimmen.

Es ist also damit zu rechnen, dass Haider weiter Druck machen wird. Die Kärntner Landtagswahlen im März 2004 sind sein Schicksal. Haider wird sich nicht abhalten lassen, der Regierung
in Wien ständig Steine in den Weg zu legen.

Am Befund, dass die schwarz-blaue Koalition fortan "mit der Bombe leben" müsse, hat sich auch nach Deutschlandsberg nichts geändert.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001