WirtschaftsBlatt-Kommentar Samstag-Ausgabe WirtschaftsBlatt zum Thema Informationstechnologie

"Stückwerk statt Netzwerk" von Arno Maierbrugger

Wien (OTS) - Die Wege, die die heimische Politik in Sachen e-Government beschreitet, gemahnen bei genauerer Nachsicht eher an Traumtänzerei. Was wurde hier in letzter Zeit nicht alles an Schlagworten produziert: Der Bundeskanzler, der nach seiner ersten Angelobung Protestbekundungen als Krakeelerei überreizter Internet-Kids bezeichnete, jongliert heute mit Begriffen wie "e-Government-Offensive", "e-Government-Plattform" und "e-Government-Roadmap 2003-2005". Was soll das alles bedeuten? Bei den wirklich essentiellen Grundlagen für ein funktionierendes e-Government stellte sich die Verwaltung zuletzt selbst ein Bein nach dem anderen: Das Chaos um den elektronischen Krankenschein e-Card, die eigentlich als "Bürgerkarte" mit elektronischer Signatur eingeführt werden soll, hat alle Pläne um ein bis zwei Jahre verzögert. Das neue Telekom-Gesetz wurde nur mit Mühen beschlussfertig gemacht und muss ohnehin nachverhandelt werden. Und das Auftragschaos bei Regierungsausschreibungen, die irgendwie mit IT zu tun haben (Adonis-Projekt, elektronischer Akt) ermuntert kompetente Privatfirmen sicherlich nicht, ihr Äusserstes zu geben, um Österreich zum e-Government-Paradies zu machen. Tatsache ist, dass die Regierung von der Europäischen Union und deren Aktionsplan "eEurope 2005" zum Handeln genötigt ist. Was Kanzler Wolfgang Schüssel umgehend zur Aussage verleitete, Österreich bei e-Government "unter die besten fünf" in der Staatengemeinschaft machen zu wollen. Ein e-Government-Gesetz ist für Anfang 2004 angekündigt, die neue Technologie soll "allen Bürgerinnen und Bürgern ungeachtet von technischen und sozialen Barrieren" zur Verfügung stehen. Bis dahin wird es wohl noch ein dorniger Weg werden. Österreich liegt nach den Kennzahlen des aktuellen e-Government-Benchmarking-Berichts der EU derzeit im unteren Mittelfeld, es sind noch eine Menge Hausaufgaben zu erledigen, bis man aus Brüssel Anerkennung erwarten kann. Was steht bis jetzt auf der Habenseite? Es gibt ganz nützliche Verwaltungsportale wie www.help.gv.at, auf denen Formulare zum Download bereitstehen. Echte Interaktivität sucht man vergebens. Dem Finanzamt kann man mittlerweile immerhin die Arbeitnehmerveranlagung elektronisch übermitteln, und Breitbandanschlüsse sind nun (befristet) von der Steuer abzusetzen. Bis jetzt also nur gut gemeintes "e-Stückwerk".

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001