"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Zu viel der Worte" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 21. Juni 2003

Innsbruck (OTS) - Auch das noch: Peter Handke spricht nicht mehr
zu uns. Die Öffentlichkeit bringe nämlich Idioten einer Art hervor, zu der er nicht gehören wolle, sagte der Schriftsteller. Er reiht sich damit in jene Künstlerschar ein, die sich gutteils über Protest gegen den Staat und über Herabsetzung von Zeitgenossen definiert. Thomas Bernhard wollte seine Stücke nach seinem Tod in Österreich nicht mehr aufgeführt wissen, Elfriede Jelinek schon vorher. Friedensreich Hundertwasser zerriss die Urkunde über einen Staatspreis, Architekt Raimund Abraham gab seine Staatsbürgerschaft zurück. Herausragende Künstler haben so ihr gutes Recht beansprucht, doch kritisiert, was ihnen nicht fremd und der Öffentlichkeit geläufig ist: die enorme Anhäufung folgenloser Ankündigungen.
So pflegt man es ja auch in der Politik, dem Konkurrenten den Staatsanwalt an den Hals zu hetzen, Beschlüsse vor die Höchstgerichte zu zerren und nach Ausschüssen zur parlamentarischen Untersuchung zu rufen. Die Menge und offensichtliche Leichtfertigkeit dieser Ankündigungen sind es, die ein legitimes Instrument und legales Vorhaben entwerten.
Dazu kommt die unter Parlamentariern freudvoll genutzte Drohung, in der einen oder anderen Sache mit Nein zu stimmen. Auch das ist erlaubt. Aber das angekündigte und das tatsächliche Stimmverhalten, siehe etwa zur Pensionsreform, unterscheiden sich so krass, dass hinter der Ankündigung eher der Irrtum über die Sache als überlegter Einsatz eines politischen Instruments zu vermuten ist.
Was von all dem zu halten ist?
Künstler überzeugen durch ihr Werk. Die Gerichte durch Urteile. Politiker durch Entscheidungen.
Und daran ist alles zu messen.
Ihre moralische Abwertung von Zeitgenossen hat manche Künstler der Öffentlichkeit entfremdet. Die Skandalisierung und Kriminalisierung von Politik und Politikern mindert deren Ansehen und das in sie gesetzte Vertrauen.
Von diesen Vorgängen haben wir tatsächlich mehr als genug zu beobachten.
Vielleicht wollte Handke genau darauf aufmerksam machen. Vielleicht -besser noch: hoffentlich - spricht er wieder zu uns. Etwa darüber. Denn Ankündigungen sind oft folgenlos. Vielleicht auch diese.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion - Tel.: 05 04 03/ DW 601

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001