"Presse"-Kommentar: "Nicht ganz ohne haut-goût" (von Christine Domforth)

Ausgabe vom 20. Juni 2003

Wien (OTS) - Der Pariser Staatsanwalt wusste, was zu tun war: Er akzeptiert den Freispruch für Jean-Claude Trichet ohne Wenn und Aber. Für Frankreichs Notenbank-Chef ist damit der Weg an die Spitze der EZB frei. Ob Trichet beim Skandal um die Ex-Staatsbank Crédit Lyonnais, die er als Direktor des Schatzamtes hätte beaufsichtigen müssen, tatsächlich nur ungenau informiert war, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben.
Immerhin fand der Untersuchungsrichter seinerzeit sehr wohl Grund zur Anklage, der Staatsanwalt forderte für den Notenbank-Chef mindestens zehn Monate Haft. Und immerhin beschrieben Medien Trichet während des Prozesses als "perfekten Staatsdiener: loyal bis zur Selbstaufgabe." Das gehe so weit, "dass ein gewisses Unrechtsbewusstsein in manchen Bereichen unterentwickelt sein könnte."
Doch das Gericht stellte Trichet einen Persilschein aus, was Kenner der französischen Justiz allerdings von Anfang an erwartet hatten. Immerhin ging es darum, den Anspruch der "Grande nation" auf eine der höchsten europäischen Spitzenpositionen nicht zu gefährden. Schon 1998 hatten Frankreichs machtbewusste Spitzenpolitiker Chirac und Jospin Trichet an die Spitze der EZB hieven wollen, waren damit EU-intern aber gescheitert.
Trichet tritt jetzt sein Amt als oberster Euro-Währungshüter also mit einem gewissen haut-goût an. Dennoch kann er ein guter EZB-Präsident werden. Das nötige fachliche Format dazu bescheinigen ihm sogar seine Kritiker. Auf politischen Druck von rechts oder links reagierte er bisher in Paris nicht und wird das wohl auch im Frankfurter Euro-Tower nicht tun. Und so darf man schon jetzt gespannt sein, wann der neue EZB-Präsident beispielsweise der Regierung Raffarin wegen ihrer viel zu hohen Budgetdefizite die Leviten lesen wird.

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