"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Hoppla, da ist er" (Von Günther Schröder)

Ausgabe vom 18. Juni 2003

Innsbruck (OTS) - Es ist nicht leicht, sich dem Charme Karl-Heinz Grassers zu entziehen - selbst wenn man keine angehende Schwiegermutter ist. Von Anfang an war er der Sympathieträger von Schwarz-Blau. Nur wenige Tage im Amt absolvierte der Finanzminister im März 2000 seinen ersten internationalen Auftritt beim EU-Gipfel im Lissabon so, als ob er sein ganzes Leben nichts anderes getan hätte. Den Österreichern verkaufte er zunächst mit entwaffnendem Lächeln das Nulldefizit als das Staatsziel - um es heuer mit nicht minder entwaffnetem Lächeln flugs wieder zu entsorgen. Jetzt ist die Eigenmarke "KHG" die beworbene Ware.
Doch hält die Marke, was sie verspricht?
Saniert hat auch Grasser den Bundeshaushalt nicht nachhaltig, die relativ niedrige Neuverschuldung erreichte er vor allem mit einer höheren Steuerquote. Die Verwaltungsreform: großteils Schimäre. Zukunfts-impulse bei Forschung/Bildung: eine Luftblase. Die Entlastung: Wenn man nachrechnet, werden die Österreicher bald mehr Geld an Fiskus und Sozialversicherungen abliefern. Und doch setzte Grasser markante Akzente, etwa beim Verkauf von Staatseigentum. Allerdings bewies er oft keine glückliche Hand. Alles in allem ein äußerst durchschnittliche Bilanz, die der "KHG"-Beliebtheit aber keinen Abbruch tat.
So weit, so gut? Leider nicht. In wilder Mischung aus einer "Hoppla-da-bin-ich-Mentalität" und politischer Blauäugigkeit lässt sich Grasser seine persönliche Vermarktung auch noch von der Industrie bezahlen. Und er findet nichts dabei. Unklar bleibt zudem, warum der Minister, der zunächst gar keine oder dann zumindest die billigsten Abfangjäger kaufen wollte, am Schluss die teuersten Variante forcierte.
Die Opposition müsste aus Klosterschülern bestehen, um bei alledem nicht einzuhaken und einen ordentlichen Wirbel zu schlagen. Grasser hat in der Tat eine Menge Erklärungsbedarf. Sein Charme allein wird nicht ewig reichen.

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