"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wenn Kinder aufgewertet und gleichzeitig abgewertet werden" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 17.06.2003

Graz (OTS) - Jetzt soll sich also doch noch etwas für Frauen ändern. Jetzt soll doch die Betreuung eines Kindes gleich viel wert werden wie das Marschieren über den Kasernenhof. Eine plötzliche Eingebung der Regierung, dass die Bewertung der Kindererziehungszeit doch noch dem Präsenzdienst bei der Bemessung der Pensionshöhe gleichgestellt wird? Nein, Eingebung kann es nicht sein, die Maria Rauch-Kallat nun veranlasst, die Angleichung mit dem nächsten Reformschritt anzukündigen.

Eine Ankündigung wenige Tage nach dem Beschluss der Pensionsreform, die trotz wochenlangen Trommelfeuers nahezu aller Experten gegen die geringe Bewertung der Kinderzeiten an dieser Bewertung festgehalten hat. Und jetzt plötzlich kündigt die Frauenministerin eine Erhöhung an? Warum nicht vor einer Woche, als alles noch veränderbar war? Es wäre glaubwürdiger gewesen. Heute bleibt jener schale Nachgeschmack übrig, die Lippenbekenntnisse an sich haben.

Und es bleibt die Frage, wie lange Frauen noch einem Diskriminierungskarussell zusehen, das am Arbeitsplatz beginnt und mit der Pension endet. Bereits heute liegen 70 Prozent mit ihren Pensionen an oder unter der Armutsgrenze. Wegen kurzer Beitrags-, schäbiger Ersatzzeiten, Teilzeitbeschäftigung und Einkommensunterschieden von 30 Prozent im Vergleich zu Männern.

Dass dem Problem teilzeitbeschäftigter Frauen in keiner Weise Rechnung getragen wurde und sie mit dieser Pensionsreform neuerlich aufgrund ihrer Mutterrolle diskriminiert werden, wie selbst VP-nahe Experten kritisieren, stört nicht. Mütter müssten sich eben klar werden, dass Teilzeit Pensionszeiten kostet, hat die Frauenministerin wissen lassen. Ein Zynismus aus bewusster Ignoranz oder Unkenntnis über Lebenswelten von Müttern? Wie viele Volksschulen bieten Nachmittagsbetreuung? Für acht Prozent der 7 bis 10-Jährigen gibt es eine Betreuung. Wann kommt der Ausbau, um das Niveau skandinavischer Länder zu erreichen? Länder mit Geburtenraten von fast zwei Kindern.

Die Geburtenrate in Österreich liegt unter 1,3. Die für den Bestand einer modernen Gesellschaft nötige statistische Geburtenrate beträgt 2,1. Eine demographische Katastrophe, wenn nicht die fehlenden heimischen Kinder mit Ausländern ausgeglichen werden. Ein Ziel der Regierung? Wenn ja, sollte sie sich dazu bekennen.

Sie habe, werfen Frauenorganisationen der Ex-Generalsekretärin vor, als Frauenministerin inhaltlich abgedankt. Sie irren. Rauch-Kallat konnte nie abdanken, weil sie mit Herz und Hirn Generalsekretärin geblieben ist. ****

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