DER STANDARD-Kommentar: "Die Räuber kommen" (von Daniel Glattauer) - Erscheinungstag 17.6.2003

Wien (OTS) - Die Zahl der Raubüberfälle in Österreich nimmt kräftig zu. Im vergangenen Jahr waren es 2161 "leichte" Fälle - ein Drittel mehr als im Jahr davor. "Schwerer Raub" wurde 966-mal angezeigt; auch hier ist der Anstieg sprunghaft. Es liegt in der Natur eines Innenministers, solche Zahlen schönlesen zu können. Diesmal seien sie "ganz im Trend einer Metropole" (Strasser meint damit Wien). Dürfen wir trotzdem besorgt sein? Immer mehr Drogenkranke beschaffen sich Geld für ihre Sucht. Mehr und mehr Spielschuldner und Kreditbankrotteure sind zum Restrisiko bereit. Immer mehr junge Notstandsfrustrierte kommen auf die schlechteste Idee ihres Lebens: Raub.

Das Problem im Kopf der Täter: Rauben geht scheinbar so einfach. Zum Bankraub genügen eine Spielzeugpistole, eine Strumpfmaske, ein letzter Kick der Ausweglosigkeit und zwei Worte: "Geld her!" Der Rest läuft von selbst - und endet, bei hoher Aufklärungsrate, schnell vor Gericht. Dort sind die Räuber in ihrem Täterprofil eine Kategorie für sich. Sie wirken unkriminell, dilettantisch und ahnungslos. Die wenigsten sind sich der Schwere ihres Verbrechens auch nur annähernd bewusst.

Tatsächlich gibt es für Raub mit einem Ding in der Hand, das nach Waffe aussieht, unverhältnismäßig hohe Haftstrafen: fünf bis 15 Jahre. Wenn man weiß, dass bei Fällen von Kindesmissbrauch zumeist kleine, teilbedingte Strafen ausgesprochen werden, zweifelt man an dem Maß der Gerechtigkeit. Ein liberaler Strafvollzug setzt allerdings mehr auf Abschreckung als auf Vergeltung. Das wiederum rechtfertigt die hohe Strafandrohung für Räuber. Wenn die Verzweifelten davon schon wüssten, bevor sie sich die Strumpfmaske überzuziehen gedenken, täte das der Kriminalstatistik sicher gut. Und der Minister müsste sich beim Schönfärben der Sicherheit nicht so abquälen.

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