Wie Aktionäre ausgebremst werden

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Leo Himmelbauer

Wien (OTS) - Heute werden fünf Finanzinvestoren, die zusammen 56 Prozent am Grazer Technologiekonzern Andritz besitzen, ihr Secondary Public Offering beenden. Nach dem Abverkauf von rund sechs Millionen Andritz-Aktien bleibt der Gruppe in Summe nur noch ein zehn Prozent schweres Paket. Konzernchef Wolfgang Leitner wird mit seinen 25,7 Prozent grösster Aktionär - und hat die Option, in einem Jahr die Anteile der Finanzinvestoren übernehmen zu dürfen.
Das Pikante an diesem Deal: Leitner übernimmt de facto die Kontrolle über Andritz, ohne ein Übernahmeangebot an die übrigen Aktionäre legen zu müssen - was gesetzlich vorgeschrieben ist, wenn jemand die Hürde von 30 Prozent der Anteile überschreitet.

Die Übernahmekommission hat lange getüftelt, ehe sie Leitner ihren Sanktus gab. Noch fehlt die schriftliche Begründung der Kommission für diese Entscheidung. Fürs Erste sei deshalb angenommen, dass sie rechtlich halten wird. Doch eines steht fest: Der Fall Andritz hat ein Vorbild und es wird einen Nachfolge-Fall gegeben - beides im Portfolio der ÖIAG.

"Wir werden kalt entmachtet." Diese Befürchtung hatte ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis vor einem Jahr geäussert. Damals war die Investorengruppe rund um Rudolf Fries drauf und dran, die ÖIAG als grössten Aktionär des Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm abzulösen. Mittlerweile hält die Fries-Gruppe knapp 30 Prozent, also mehr als die ÖIAG. An wen die Staatsholding bei der Privatisierung ihr 25-Prozent-Paket verkauft, spielt daher keine Rolle mehr.

Ähnliches bahnt sich auch bei VA Tech an. Der Linzer Konzern hat in seinen Statuten festgelegt, dass ein Übernahmeangebot schon bei Überschreiten der 20-Prozent-Marke ausgelöst wird. Eine Gruppe rund um Mirko Kovats hält seit dem Sanktus der ÖIAG zum Kauf von VA Tech-Aktien aus dem Besitz der voestalpine bereits 19,05 Prozent. Jetzt will die ÖIAG 4,1 ihrer 24 Prozent an institutionelle Investoren abgeben. Für die verbleibenden 19,9 Prozent VA Tech-Aktien dürfte es im Herbst ein Secondary Public Offer geben, das im Idealfall mit einer Kapitalerhöhung für die VA Tech verknüpft ist. Kovats bei VA Tech, Fries bei Böhler, Leitner bei Andritz: Clevere Leute hebeln mit relativ geringem Einsatz das Übernahmerecht aus und stellen Mitaktionäre vor vollendete Tatsachen. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein.

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