EINE PIONIERIN IM PARLAMENT Präsident Hösele stellt Werk über erste Parlamentspräsidentin vor

Wien (PK) - 1927 war Olga Rudel-Zeynek weltweit die erste Präsidentin einer parlamentarischen Kammer. Die Steirerin schrieb damit Geschichte. Heute stellten Bundesratspräsident Herwig
Hösele und Steiermarks Landeshauptmann Waltraud Klasnic aus
diesem Anlass eine von der Parlamentsdirektion edierte Broschüre vor. An der Veranstaltung nahmen u.a. Bundesministerin Maria Rauch-Kallat, die ehemalige Bundesministerin Christa Krammer, Volksanwältin Rosemarie Bauer und die ehemaligen Bundesratspräsidentinnen Uta Barbara Pühringer und Johanna Auer teil.

Präsident Hösele gedachte in seiner Rede des 75. Jahrestags der Kür von Olga Rudel-Zeynek zur ersten Präsidentin eines Parlaments und meinte, diese Politikerin habe in einer damals geschlossenen Männergesellschaft pionierhaft für die Frauen in Politik, Wirtschaft und Kultur gewirkt. Dementsprechend sei es das
Anliegen des Bundesrates gewesen, Rudel-Zeynek zu würdigen und andererseits auch den Bundesrat vorzustellen, um damit "das
wichtige Wirken des Bundesrates ins richtige Licht zu rücken". Hösele dankte der Verfasserin und allen anderen an der Produktion dieses Werkes Beteiligten und vor allem dem steiermärkischen Landeshauptmann, deren Wirken das Werden dieser Broschüre erst ermöglicht habe.

Landeshauptmann Klasnic betonte vor allem das soziale Engagement Rudel-Zeyneks, die, hätte es die Funktion einer Volksanwältin damals schon gegeben, fraglos für dieses Amt prädestiniert
gewesen wäre. Eine Pionierin im Parlament gewesen zu sein, heiße für Rudel-Zeynek, dass sie ihren eigenen Leitspruch verwirklicht habe: "Glück ist, den Menschen Gutes zu tun." Rudel-Zeynek habe,
so Klasnic, damals schon erkannt, dass der ganze Mensch gefordert sei. Es brauche langfristiges Denken, aber rasche Hilfe. Und so verneige man sich heute mit diesem Werk vor einer großen Politikerin, so Klasnic.

Für Bundesratsvizepräsidentin Anna Elisabeth Haselbach liefert
die Broschüre Anregungen für die Gegenwart. Sie sei ein Auftrag, ständig an der Verbesserung der Lebensumstände weiterzuarbeiten. Vieles, was damals schon gefordert worden sei, sei erst in der Zweiten Republik verwirklicht worden, und immer gebe es noch Verbesserungswürdiges. Rudel-Zeynek sei eine engagierte, kluge Persönlichkeit gewesen, die Missstände erkannt und sie zu beseitigen versucht habe. Diese Haltung sollte auch in unseren
Tagen Vorbild sein, meinte Haselbach, die in diesem Zusammenhang einige aktuelle Probleme ansprach.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung vom Koehne Streichquartett.

OLGA RUDEL-ZEYNEK (1871-1948)

Geboren wurde Olga von Zeynek am 28. Januar 1871 in Olomouc (Olmütz) im Nordosten der heutigen Tschechischen Republik. Ihr Vater war dort Direktor der Lehrerbildungsanstalt. Später wurde
er Landesschulinspektor für Schlesien, und die Familie zog darum nach Troppau um. Zeynek absolvierte die Bürgerschule und anschließend die Höhere Töchterschule im Ursulinenkloster Freiwaldau. 1892 kam die Familie nach Wien, wo Olga Zeynek fünf Jahre später den Offizier Rudolf Rudel heiratete. An seiner Seite lebte sie in den letzten Jahren der Monarchie in verschiedenen Garnisonsstädten, so in Novi Sandec, Triest, Lemberg, Sopron und Tarnopol.

Der Kriegsbeginn überraschte Zeynek in Graz, wo sie Verwandte besucht hatte, wo sie auch während der gesamten
Auseinandersetzung blieb. Ihr Mann kehrte 1915 aus dem Feld nach Wien zurück, wo auch die Ehe der beiden 1918 geschieden wurde. Zeynek begann sich jedoch schon während des grossen Völkerringens karitativ zu betätigen und engagierte sich in katholischen Frauenverbänden. Sie half ehrenamtlich in einer Kriegsküche und verteilte Lebensmittel an Bedürftige. Gleichzeitig begann sie, Märchen und Erzählungen zu verfassen, die in verschiedenen steirischen Zeitungen erschienen, sodass sie bereits Ende 1917
vom "Grazer Volksblatt" "hiesige Schriftstellerin" genannt wurde.

Nach Ausrufung der Republik und der Zuerkennung des aktiven und passiven Wahlrechts engagierte sie sich im Wahlkampf für die Konstituierende Nationalversammlung, blieb jedoch ohne Mandat. Dafür gelang es ihr im Mai 1919, in den steiermärkischen Landtag einzuziehen, dem sie bis zum Herbst 1920 angehören sollte, ehe
sie in den Nationalrat nach Wien wechselte. Dort kämpfte sie bis Mai 1927, zu welchem Zeitpunkt ihr Mandat erlosch, vor allem für einen besseren Jugendschutz und für mehr Sittlichkeit in der Gesellschaft.

Im Mai 1927 entsandte sie der Landtag in den Bundesrat, dessen Mitglied sie bis April 1934 blieb. Zweimal, 1927/28 und 1932, amtierte sie während dieser Zeit als Vorsitzende des Bundesrates, was insofern geschichtsträchtig ist, als zuvor nirgendwo auf der Welt eine Frau einen solchen Posten bekleidet hatte. Nach dem
Ende des demokratischen Parlamentarismus verlegte sich Zeynek-
Rudel verstärkt auf karitative Tätigkeiten und ging auch ihrer Berufung als Schriftstellerin in verstärktem Maße nach. Sie erlebte noch die Wiedererrichtung des freien Österreich, doch verzichtete sie auf weitere politische Aktivitäten. Sie starb im August 1948 an den Folgen eines Schlaganfalls und wurde in Graz
im Familiengrab beigesetzt.

Die nun edierte und von Barbara Blümel redaktionell betreute Broschüre enthält nicht nur einen von Andrea Ertl verfassten Lebenslauf der Politikerin, sondern auch eine durch
Kurzbiographien angereicherte Auflistung führender Politikerinnen der Ersten und der Zweiten Republik, die bedeutende Funktionen im Bundesrat innehatten. So waren nach 1945 Johanna Bayer, Helene Tschitschko, Helga Hieden-Sommer, Anna Elisabeth Haselbach,
Johanna Auer und Uta Barbara Pühringer zum Vorsitz in der Länderkammer berufen. Rudolfine Muhr, Hella Hanzlik und Anna
Demuth übten diese Funktion stellvertretend aus. Überdies begann eine nennenswerte Zahl führender Politikerinnen ihre Karriere
just in der Länderkammer, so etwa Christa Krammer, Waltraud Klasnic, Hertha Firnberg, Heide Schmidt, Hilde Hawlicek, Maria Rauch-Kallat und Ursula Haubner.

Ein umfangreicher Statistikteil sowie eine Darstellung über Aufgaben und Arbeitsweise des Bundesrates runden die Broschüre
ab. (Schluss)

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