• 10.06.2003, 17:26:45
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DER STANDARD-Kommentar: "Aufmerksamkeit als Droge" (von Alexandra Föderl-Schmid) - Erscheinungstag 11.6.2003

Der Tod von Jürgen Möllemann entblößt die Mechanismen von Politik und Medien

Wien (OTS) - Der Tod von Jürgen Möllemann hat den Politikbetrieb
in Deutschland vorübergehend gelähmt und für ein kurzes Innehalten
gesorgt. Die Art seines Sterbens löste Betroffenheit aus. Dass einer,
den praktisch jeder im deutschen Politikbetrieb kannte, kurz nach der
Aufhebung seiner Immunität und dem Anlaufen von Durchsuchungen in
seinen Wohn- und Geschäftsräumen in den Tod springt, ließ niemanden
kalt.

Die politischen Gegner haben trotz aller Differenzen seine
Leistungen gewürdigt. In krassem Gegensatz dazu stand die Reaktion
der FDP-Spitze. Sie betonte ihr Mitgefühl mit der Familie des Toten.
Auf diese Weise konnte man elegant vermeiden, etwas über Möllemann
selbst zu sagen. Schweigen wäre die ehrlichste Lösung gewesen, aber
Schweigen ist in der Politik keine Option. Die Lähmung hat sich bei
der Witwe, Carola Möllemann-Appelhoff, und den drei Töchtern in Wut
gewandelt.

Die Todesanzeigen sind eine Anklage gegen die FDP- Führung. In
diesen Anzeigen fragen sie: "Werden uns diejenigen Rechenschaft
geben, die auf niederträchtige Weise versucht haben, sowohl den
Menschen Jürgen W. Möllemann wie auch sein politisches Lebenswerk zu
zerstören, für das er mehr als 30 Jahre leidenschaftlich mit Herz und
Seele gekämpft hat?"

Um eine Antwort auf diese Frage wird die FDP-Spitze nicht
herumkommen. Denn nach der Wahl wurde Möllemann als Sündenbock
abgestempelt und ihm die Alleinschuld am schlechten Abschneiden der
FDP zugewiesen. Zwar hat Möllemann mit seinem Flugblatt mit
antisemitischen Untertönen versucht, Stimmen am rechten Rand zu
gewinnen und dabei liberale Wähler verprellt.

Aber FDP-Chef Guido Westerwelle hat ihn gewähren lassen und sich
erst, als das Scheitern der Aktion feststand, davon distanziert und
auf Möllemann als Schuldigen verwiesen. Davor hat er sich Westerwelle
aber von Möllemann die Kanzlerkandidatur, das Wahlziel 18 Prozent und
den Spaßwahlkampf aufschwatzen lassen. Dass ihm die eigene Partei,
die er stets als "Familie" bezeichnet hat, zuerst wie einem Leitwolf
folgte und ihn dann wie einen Aussätzigen behandelt hat, dürfte
Möllemann stärker getroffen haben als vermutet. Seine Begründung, er
trete aus der FDP aus, weil es eine öffentliche "Hetz- und Treibjagd"
gegen ihn gebe, wurde nicht wirklich ernst genommen - weder von der
Politik noch von den Medien.

Aber ohne die FDP war Möllemann verloren. Er konnte nicht als
Populist auf eigene Rechnung arbeiten, er brauchte die Parteistruktur
- eine Parallele zu Jörg Haider, mit dem er häufig verglichen wurde.
Als fraktionsloser Abgeordneter wurde Möllemann in Berlin ignoriert
und auch in Düsseldorf, wo die SPD mit der FDP als neuen
Koalitionspartner liebäugelt, wurde er nicht mehr gefragt.

Für einen Politiker vom Typus Möllemann gibt es kaum etwas
Schlimmeres, als plötzlich nicht mehr wahrgenommen zu werden. Dies
trifft nicht nur auf Politiker zu, sondern auch auf Trittbrettfahrer
der Politik - Parteileute, Referenten und Journalisten. In einer
Welt, in der man einander unablässig der eigenen Wichtigkeit
versichert, muss man das Gefühl bekommen, auch wirklich wichtig zu
sein.

Möllemann war ein Getriebener der Macht, der sich als einer der
wenigen in seinem Umfeld zur "Droge Politik" offen bekannte. Seine
Vita ist die Geschichte vom öffentlichen Leben und öffentlichen
Sterben eines Politikers, der stets hoch hinaus wollte. Er hat es
auch bis zum deutschen Vizekanzler geschafft. Möllemann hat Politik
als Inszenierung betrieben und damit auch die FDP vor sich
hergetrieben. Er, der den Spaßfaktor in die deutsche Politik
eingeführt hat, ist daran zerbrochen. Spaß wirkt in Zeiten von
Budgetlöchern und maroden sozialen Sicherungssystemen in der Politik
plötzlich deplatziert.

Möllemann zeigte die schmale Grenze zwischen Selbstdarstellung und
Selbstzerstörung auf. Sein Tod hat die Mechanismen von Politik und
Medien entblößt.

OTS0193    2003-06-10/17:26

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST

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