Kommentar von Engelbert Washietl zum Streik

Es streikte die soziale Upper Class

Wien (OTS) - Mit ihrer Toleranz gegenüber gewerkschaftlichen Kampfmassnahmen verhalten sich die meisten Österreicher recht praktisch und auch vernünftig. Die Welt geht nicht zu Grunde, weil einen Tag lang die Strassenbahn nicht fährt.

Sollte diese unaufgeregte Einstellung aber mit politischer Korrektheit verwechselt werden, so ist heftiger Widerspruch angezeigt. Was hier im Namen der Gerechtigkeit aufgeführt wird, ist Hohn für alle, die ihr Geld durch harte Arbeit verdienen und ein Berufsleben hindurch abnorm hohe Sozialversicherungsbeiträge ablieferen. Einige Arbeitnehmergruppen, die sich ohne Hemmung ihre eigenen Pensionsvorteile bezahlen lassen, zeigen, wie schön sie streiken können: ÖBB-Bedienstete tun das, sofern sie sich nicht schon als Mittfünfziger in den Ruhestand begeben haben; offenbar überforderte Magistratsbeamte auch; durch die Last des bald zu Ende gehenden Schuljahres ausgemergelte Lehrer ganz gewiss; dann die Postbediensteten und somit sogar Berufsgruppen, bei denen die Ausweidung des Sozialsystems bis zur Einschaltung des Staatsanwalts führte. Ja wer bezahlt denn diese Milliarden, die spurlos in den Einseitigkeiten des Transferapparates versickern? Das tun die zahllosen Fussgänger und Radler und frühmorgendlichen Pkw-Fahrer, die gestern ungeachtet der ihnen aufgezwungenen Verkehrsprobleme zur Arbeit erschienen sind. Und die bis 65 oder mit Pensionsabschlag nicht ganz so lange arbeiten und Beiträge abliefern.

Das Sozialsystem wurde geschaffen, damit ein fairer Ausgleich zwischen Besserverdienenden und denen entsteht, die ohne diesen Ausgleich keine Sicherheit mehr hätten. Solche Menschen gibt es noch immer in grosser Zahl, um ihretwillen muss das Sozialsystem verteidigt werden. Aber notfalls auch gegen eine Upper Class sozialer Selbstbediener, die gern kassieren und dennoch streikfreudig sind, noch dazu im Namen der Gerechtigkeit. Österreichs Alterssicherung ist in einem verheerenden Zustand. Jede Einzelreform, die zur Erhöhung der Gerechtigkeit führen soll, schafft zugleich neue Ungerechtigkeit. Das weiss die Regierung, das wissen die Experten. Also bedarf es einer Gesamtreform. Das Massnahmenpaket der Regierung ist einer solchen noch nicht einmal nahe. Aber diejenigen, die gestern aus ihren staatsnahen Polsterungen heraus einen politischen Arbeitskampf starteten, haben noch nicht einmal begriffen, worum es geht.

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