"Ich lebe - weil du mein Gegner bist"

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Arne Johannsen zum Thema ÖGB

Wien (OTS) - Armin Assinger hätte eine neue, knifflige Millionen-Frage: Warum konnte der ÖGB nicht die Chance nutzen, den Runden Tisch als strahlender Sieger zu verlassen? Immerhin trotzte er Wolfgang Schüssel eine zehnprozentige Deckelung der Verluste ab, verhinderte er ein schnelles Auslaufen der Frühpension, setzte die volle Pension nach 45 Arbeitsjahren durch, erreichte die höhere Bewertung alter Beitragszeiten ohne grosse Zaubertricks hätte sich das als gewaltiger Verhandlungserfolg darstellen lassen. Stattdessen hat sich die Gewerkschaft den Weg zum Erfolg verbaut. Die Erklärung dafür schallt uns täglich aus dem Radio entgegen. "Ich lebe, weil Du mein Atem bist", heisst es in dem Song von Starmania-Girl Christl. Auf ÖGB-Chef Verzetnitsch übertragen müsste es heissen: "Ich lebe, weil Du mein Gegner bist."

Denn ihre neu gewonnene Lebens- und Streikkraft zieht die Gewerkschaft vor allem aus dem Feindbild einer schwarz-blauen Regierung, verkörpert durch Wolfgang Schüssel. Kann eine Gewerkschaft grundsätzlich Reformen nur schwer zustimmen, die ihren Mitglieder finanzielle Verluste bringen, so will der ÖGB schon gar nicht eine Schüssel-Reform mittragen. Doch diese Strategie ist höchst riskant. Denn die bisherige Sympathie grosser Bevölkerungskreise auch der Medien für den Widerstand gegen Schüssels überhastete Brutal-Reform steht auf der Kippe. Gründe: Am Dienstag streiken mit Lehrern, Eisenbahnern und den städtischen Verkehrsbetrieben wieder einmal die Falschen jene, die ohnehin in sicheren Netzen arbeiten. Zudem freut alles, was der Regierung jetzt noch runtergerissen wird, ausschliesslich die Bald-Pensionisten, geht aber auf Kosten der jungen Generation. Und die Gewerkschaft steht wieder einmal als reiner Verhinderer dar, weil ein eigenes ÖGB-Konzept zur Pensionsfrage noch immer nicht in Sicht ist.

Für den ÖGB kann dieser Stimmungsumschwung dramatisch werden. Denn mit der Arbeiterkammer steht eine Konkurrenzorganisation bereit, die in vielen Bereichen kompetenter und effizienter ist. Die AK ist die gesetzliche Arbeitnehmervertretung, in der ohnehin alle Dienstnehmer organisiert sind, sie ist der eigentliche Gegenpart zur Wirtschaftskammer. Würde sie auch noch die Tarif-Verhandlungen übernehmen, die bisher die Gewerkschaft führt, gäbe es eine neue, knifflige Frage für Assingers Millionen-Show: "Wer braucht noch den ÖGB?" (Schluss)

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