BRIEFE OHNE ANTWORT Zeitgeschichtliches Dokument im Hohen Haus vorgestellt

Wien (PK) - Der Zweite Präsident des Nationalrates Heinz Fischer stellte heute die Edition von Aufzeichnungen des österreichischen Journalisten Otto Leichter vor, der 1938 vor den
Nationalsozialisten nach Frankreich geflohen war. Leichter hatte diese Texte für seine Frau Käthe verfasst, die kurz zuvor von der Gestapo verhaftet worden war. An der Buchpräsentation nahm ein ebenso zahlreiches wie prominentes Publikum teil, darunter die ehemaligen Bundesminister Kurt Steyrer und Franz Hums sowie zahlreiche Mitglieder der Familie Leichter.

In seiner Begrüßung betonte Fischer, er habe sich wirklich schon lange Zeit auf dieses Buch gefreut, aus persönlichen, politischen und wissenschaftlichen Gründen. Er selbst habe Otto Leichter in
den 60er Jahren kennen- und schätzen gelernt, und von Henry Leichter habe er von diesen Briefen erfahren, die ein Versuch
seines Vaters gewesen seien, irgendwie geistig mit seiner inhaftierten Frau zu kommunizieren und den Stand der Dinge zu reflektieren. Als diese Briefe in den 90er Jahren in einem
Moskauer Archiv aufgetaucht seien, sei bald die Idee entstanden,
sie zu publizieren. Seitdem habe er, Fischer, sich auf diese Veröffentlichung gefreut, denn die Briefe stellten fraglos etwas Besonderes dar.

In diesem Zusammenhang appellierte Fischer an den zuständigen Minister, von der Idee, den Käthe-Leichter-Staatspreis durch
einen herkömmliche Bundesauszeichnung zu ersetzen, abzurücken und den nach Käthe Leichter benannten Preis beizubehalten. Das nun vorliegende Buch sei diesbezüglich vielleicht ein Anlass zur Besinnung, sagte Fischer.

Für die Herausgeber meinte Professor Gerhard Botz, es handle sich bei den hier publizierten Briefen um ein fast einmaliges
Dokument, um einen fast täglichen Rechenschaftsbericht, der intendiert ist, Käthe Leichter nach ihrer erhofften Freilassung über den Gang der Ereignisse ex post zu informieren. Die Briefe seien ursprünglich sicher nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen, sie zeigten den öffentlichen und parteipolitischen Otto Leichter ebenso wie den privaten Menschen Leichter. Zwar hätte
sich damals ein Schicksal wie jenes der Familie Leichter
tausendfach ereignet, doch diese einmalige Dokumentation einer Beziehung gebe Antwort auf die Frage, was die Menschen damals gedacht haben. Besonderes Augenmerk wandte Botz der hellsichtigen Analyse Leichters zu.

Die Mitherausgeber des Buches, Heinrich Berger und Edith Saurer, gingen auf die Genese des Werkes und den Findungsprozess ebenso
wie auf die Inhalte und die menschliche Dimension des Kompendiums ein. Die Briefe wurden offenbar in Paris gefunden und von der Gestapo nach Berlin gebracht. Von dort gelangten sie gegen Kriegsende in ein Schloss in Schlesien, wo sie von der Roten
Armee gefunden und nach Moskau gebracht wurden. Berger und Saurer erläuterten auch den historischen Hintergrund und die Editionsmethoden.

Henry Leichter, der Sohn des Verfassers, dankte Präsident Fischer und den Herausgebern für ihre Mühe und erklärte, es habe ihn sehr berührt, als er dieses Buch zum ersten Mal sah, denn es passiere einem ja selten, dass man nach 65 Jahren ein Spiegelbild seiner eigenen Jugend bekomme. Er sei glücklich, dass dieses Buch ungekürzt und unzensiert erscheine, er habe dadurch seine Eltern auf eine ganz andere Weise, nämlich als Liebespaar, kennen
gelernt. Die Veröffentlichung dieses Werkes bedeute eine persönliche Heilung, da seine Mutter, die er im Krieg verloren habe, in diesem Buch weiterlebe. Je mehr dieses Buch heute
gelesen werde, desto mehr sei es ein Lebenszeichen.

Im Anschluss las Kammerschauspielerin Elisabeth Orth Auszüge aus den Briefen Otto Leichters.

Das vorliegende Buch schildert die erzwungene Trennung von einem geliebten Menschen und den Versuch, das eigene Davon-Gekommen-
Sein zu bewältigen. Der österreichische Journalist Otto Leichter (1897-1973) schrieb von September 1938 bis August 1939 für seine damalige Ehefrau, die Sozialwissenschafterin und Politikerin
Käthe Leichter, ein Tagebuch in Briefform, nachdem ihm und seinen beiden Söhnen die Flucht vor den Nationalsozialisten gelungen
war. Die Adressatin der Briefe, Käthe Leichter, befand sich
damals in Wien in Gestapohaft und sollte diesen Text nie zu
Gesicht bekommen; sie wurde 1942 in einem NS-Konzentrationslager ermordet.

In dem Brieftagebuch, das erst jüngst in Moskau aufgefunden
wurde, berichtet Otto Leichter eindrucksvoll über die
persönlichen Lebensumstände im Exil in Paris, gleichzeitig auch über die dramatischen Entwicklungen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, die er aus der Zeitperspektive heraus mit einer
manchmal frappierenden Klarsicht analysierte. Leichter
dokumentiert damit aber auch, wie das persönliche Schicksal
seiner Familie allmählich immer mehr in den Strudel der
Weltpolitik gerät. Dieses Brieftagebuch stellt sowohl für die Geschichtswissenschaft als auch für die historisch und politisch interessierte Öffentlichkeit ein ganz außergewöhnliches Dokument dar, das nun in einer wissenschaftlich kommentierten Edition vorliegt.

Der Band ist im Böhlau-Verlag erschienen, umfasst 352 Seiten und ist zum Preis von 39 Euro im Buchhandel erhältlich. (Schluss)

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