Offener Brief des Generalsekretärs der Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Avshalom Hodik an Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

Seit nunmehr 21 Jahren stehe ich der Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien als Amtsdirektor bzw. Generalsekretär vor und habe in dieser Zeit den enormen Aufschwung miterleben und mitgestalten dürfen, der das jüdische Gemeinwesen zu dem gemacht hat, was es heute in der Welt darstellt: eine physische und geistige Heimat für die hier lebende jüdische Bevölkerung, Überlebende der Schoah und deren Nachkommen ebenso wie Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Es ist dies eine Heimstätte mit Beispielcharakter, würdig der reichen historischen Traditionen des Wiener Judentums und der wichtigen Rolle, die es vor dem Sturz des Landes in die nationalsozialistische Barbarei in der österreichischen Gesellschaft innehatte, eine Heimstätte mit all den religiösen, erzieherischen und sozialen Einrichtungen, derer sie bedarf, aber aufgebaut und erhalten unter unsäglichen finanziellen Opfern und dem Preis ständig steigernder Defizite.

Wenn nunmehr der Vorstand der Kultusgemeinde aus einer dramatisch gewordenen finanziellen Situation heraus und unter dem Eindruck der beharrlichen Weigerung der Bundesregierung, die bisher gesetzten Schritte auf dem Gebiet der Restitution durch Entschädigung der Kultusgemeinde für das in der Nazizeit entzogene Gemeindevermögen zu vollenden, daran gehen muß, das Gebäude Kultusgemeinde Stock für Stock, also Leistung für Leistung abzutragen, so ist dies ein furchtbarer Schlag für jeden einzelnen von uns. Wenn Schließungen von religiösen Einrichtungen und von Schulen anstehen, wenn selbst der Gottesdienst im Wiener Stadttempel, dem Symbol jüdischer Existenz in dieser Stadt, durch Kündigung des Kantors und des Chors dramatische Einschränkungen erfährt, drängen sich mir als Historiker erschreckende Visionen auf, die ihre Parallelen in der jüngsten Vergangenheit des Landes haben: als sich die wenigen in Wien lebenden Juden in den Jahren bis 1945 im verwüsteten Wiener Stadttempel zum Gebet zusammenfanden, gab es keinen Kantor und keinen Chor und wo einst Sulzers Melodien den Raum füllten, waren die von unterdrücktem Weinen, Schluchzen und stiller Trauer getragenen Gebete kaum zu vernehmen. Und mit ganzer Entschlossenheit sage ich mir dann, daß dem nicht wieder so sein darf, daß wir aufschreien und die Verantwortlichen laut und vernehmlich zur Besinnung rufen müssen.

Ich kann nicht glauben, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, daß die oben gezeichnete Schreckensvision Ihre Vision von der Zukunft einer jüdischen Gemeinde in Österreich ist, und weil ich es nicht glauben kann, erlaube auch ich mir, Sie auf die historische Verantwortung aufmerksam zu machen, die auf Ihren Schultern lastet. Lassen Sie der jüdischen Gemeinde das zuteil werden, was ihr - 58 Jahre nach Beendigung der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft! -letztendlich zusteht: Recht und Gerechtigkeit.

In der Hoffnung, keine Fehlbitte getan zu haben, verbleibe ich

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Wertschätzung,
Dr. Avshalom Hodik

Generalsekretär
ISRAELITISCHE KULTUSGEMEINDE WIEN

Wien, am 27. Mai 2003

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