"Immer wieder", lautet die Devise

"Presse"-Leitartikel vom 26.5.03/von Erich Witzmann

Wien (OTS) - Österreichs Lehrer haben Mut: Sie achten nicht auf
die öffentliche Meinung, Argumente anderer wollen sie erst gar nicht hören, Neuerungen nehmen sie nicht zur Kenntnis. Deswegen wird gestreikt, wieder einmal.
Damit die Eltern nur ja oft vom Ausstand betroffen sind, wechseln sie sich ab. Einmal AHS- und BHS-Lehrer, dann jene an den AHS, dann die Pflichtschullehrer und die BHS-Lehrer, jetzt wieder die Pädagogen an den Gymnasien. "Immer wieder" scheint die Devise zu sein. Dass im aktuellen Fall die Verantwortung besonders kraus ist, stört ebenfalls nicht. "Sie würden noch einen Streiktag gut haben", lautet die offizielle Stellungnahme aus der Lehrergewerkschaft.
Nicht alle machen mit. Eine Wiener AHS-Professorin teilt der "Presse" mit, dass sie mit ihrer Klasse eine Vormittagsexkursion ins Kunsthistorische Museum unternehme (das KHM ist an diesem Montag auch geöffnet). Bravo! Aber weit sind wir gekommen, dass Lehrer, die in erster Linie auf ihre Schüler schauen, zu derartigen Finten greifen müssen.
Die Verordnung zur Stundenkürzung ist erlassen, sie kommt. Das ist die Realität, die von der Mehrheit der Gewerkschafter nicht zur Kenntnis genommen wird. Wenn das ein Zeichen ist, wie Österreichs Pädagogen mit Systemänderungen umgehen, dann ist das kein gutes Zeichen für unser Schulwesen.
Über die Anzahl der Unterrichtsstunden kann man sicherlich diskutieren. Sind 40 oder 50 Stunden (letztere für HTL-Schüler) pro Woche gerade recht oder doch zu viel? Liegen der OECD-Statistik, auf die sich Bildungsministerin Gehrer beruft, richtige Daten zu Grunde? Die Lehrerverbände bezweifeln dies.
Die Frage sollte vielmehr eine rein pädagogisch-didaktische sein:
Wie viel Zeit benötigen wir für einen zielführenden Unterricht? Und wie viel Zeit benötigen die Schüler, um neben der Schule auch noch anderen Tätigkeiten, Hobbys und Bildungsangeboten nachzugehen? Einige der obersten Lehrervertreter haben mehr oder weniger laut darüber nachgedacht, dass man das Stundenausmaß beibehalten, gleichzeitig aber die Wochenbelastung senken könnte: Indem man nämlich die Freizeiten (Ferien, schulautonome Tage etc.) kürzen würde.
Einer, der AHS-Bundessektionsvorsitzende Helmut Jantschitsch, hat diese Überlegungen zu laut geäußert. Wegen der folgenden Kritik aus den eigenen Reihen ist er blitzartig zurückgetreten. Das gleiche Jahreskontingent an Unterrichtsstunden würde zwar die Wochenbelastung senken, aber die Ferienzeiten - auch jene der Lehrer - verkürzen. Jantschitsch ist weg, die Diskussion ist beendet. An den AHS, für die er bisher zuständig war, wird nun wieder gestreikt.
Zuletzt sollte man die Lehrer noch um eines bitten dürfen: Sie sollen ihre Schüler aus dem Spiel lassen. Kinder, die mit Unterschriftenlisten für das Lehreranliegen durch die Stadt pilgern (in der Unterrichtszeit natürlich), die ihren Eltern Petitionen vorlegen (und wer traut sich, nicht zu unterzeichnen), diese Kinder werden manipuliert. Das ist geschehen. Und damit haben sich die Pädagogen am meisten selbst geschadet.
Noch einmal: Eine Diskussion um die Unterrichtsdidaktik ist jederzeit zu führen. Bei allen anderen Problemen sollten einmal die Lehrervertreter selbst nach Lösungen suchen. Und sie sollten sich neuen Anforderungen stellen.

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