"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Konjunkturlok droht ein massiver Maschinenschaden" (Von Rainer Strunz)

Ausgabe vom 21.05.2003

Graz (OTS) - Die deutsche Wirtschaft steht nach drei miesen Jahren auf der Kippe.

Jahrelang waren sie uns lieb und teuer, unsere Nachbarn im Norden. Sie kamen zu Abertausenden nach Österreich auf Urlaub und nahmen uns, wahrscheinlich noch wichtiger, rund 60 Prozent unserer Ausfuhren ab. Der harte Alpendollar war zu einem Großteil auf die harte D-Mark zurückzuführen, und Österreichs Notenbank stand in Wahrheit in Frankfurt am Main. Deutschland war die Konjunkturlokomotive schlechthin, in deren Windschatten nicht nur Österreich vorteilhaft segelte.

All das ist mittlerweile Vergangenheit. In den letzten Jahren mutierte Deutschland vom Wirtschafts-Wunderland zum Sorgenkind der EU, das an gigantischen Steuerausfällen, schrumpfender Wirtschaft sowie einer zumindest in ökonomischen Belangen gescheiterten Rot-Grün-Koalition laboriert. Die Nummer 1 der Wachstums-Hitparade trägt in der jüngsten Konjunkturprognose der EU die rote Laterne und beklagt trotz ständig steigender Steuern immer größere Defizite der öffentlichen Haushalte Wirtschaftskrise/Steuerdesaster/Staatsversagen titelt der "Spiegel" und malt die nahe
Zukunft in den düstersten Farben. Deutschland lebe über seine Verhältnisse, der Republik drohe der Infarkt.

Deutlich schwerer als die mediale "Anklage" des Nachrichtenmagazins wiegt die Warnung des Internationalen Währungsfonds (IWF), Deutschland könne in eine Deflation rutschen. Was sich auf den ersten Blick wie ein Vorteil liest (unter Deflation versteht man den stetigen Rückgang des allgemeinen Preisniveaus), entpuppt sich in der Praxis als das Gegenteil. Denn Ursache der (möglichen) Deflation sind die trüben Aussichten, die die Bundesbürger seit Monaten dazu veranlassen, jeden Euro zweimal umzudrehen. Das bringt weniger Konsum und einen Teufelskreis in Schwung. Das schwache Kaufverhalten drückt die Preise noch weiter, die Abwärtsspirale aus fallenden Preisen und schrumpfender Produktion bringt noch mehr Arbeitslose usw.

Im kommenden Winter rund fünf Millionen, glaubt auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zu wissen, der die Lage am Arbeitsmarkt als "katastrophal" beurteilt und konzediert, Deutschland durchlebe derzeit "das dritte Stagnationsjahr". Dies könne jedoch nicht zum Schluss verleiten, so der BDI, Deutschland stünde vor einer Deflation.

Hoffentlich, sagen da selbst Optimisten. Denn ebenso wie uns die deutsche Konjunkturlokomotive genützt hat, könnte sie uns quasi im Retourgang in Zeiten wie diesen leicht aus den Gleisen werfen. ****

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