"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Der weiße Tod lauert" (Von Peter Weirather)

Ausgabe vom 21. Mai 2003

Innsbruck (OTS) - Wenn Mitglieder einer Lawinenkommission vor Gericht landen, wird immer wieder deren Ehrenamtlichkeit ins Treffen geführt. Nicht erst seit dem letzten Prozess geistert dann auch die Frage durch die Reihen der Zuhörer: "Wer macht dann den Job, wenn die verurteilt werden?" Eine Frage, die fast schon als Drohung verstanden werden kann. Ihre Wirkung hat sie bisher jedoch nie verfehlt.
Auch am Dienstag wurde eine vierköpfige Lawinenkommission aus Obergurgl freigesprochen. Sie hatte trotz hoher Lawinengefahr eine Straße nicht gesperrt. Für vier deutsche Urlauber endete das tödlich. Bleibt zu hoffen, dass die Ötztaler daraus ihre Lehren ziehen.
Doch trotz des Freispruches zeigte der Ötztaler Fall Schwachstellen auf, die beseitigt werden müssen. Ohne an der fachlichen Qualifikation der Mitglieder zu zweifeln, muss man sich doch sehr wundern, dass alle vier Mitglieder dieser Lawinenkommission aus den Reihen der Gastronomie kommen. Immer wieder wird gemunkelt, dass bei so manchen Entscheidungen über eine Straßensperre auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielen. Eine derart intensive wirtschaftliche Verflechtung wie im Ötztal ist schlichtweg untragbar.
Zu hinterfragen ist außerdem, warum die Kommission keine schriftlichen Aufzeichnungen geführt hat. Mit dem Argument, dass man das immer so gemacht habe, können alte Haudegen vielleicht Widersprüche von jungen Mitgliedern im Keim ersticken, überzeugen können sie nicht. Bei aller Erfahrung weiß nämlich niemand mehr genau, unter welchen Bedingungen eine Lawine vor vielen Jahren abgegangen ist. Für eine spätere Beurteilung können derartige Aufzeichnungen aber hilfreich sein. Zudem sind immer Fehleinschätzungen möglich. Nur sollte die Entscheidung objektiv und schriftlich begründet werden, damit sie für andere nachvollziehbar ist.

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