DER STANDARD-Kommentar: "Höchste Zeit zum Kurswechsel" (von Helmut Spudich) - Erscheinungstag 20.5.2003

Deflation, nicht Inflation, und ein aufgeblasener Euro bedrohen die Wirtschaft der EU

Wien (OTS) - Jahrzehntelang haben Notenbanken in Industrieländern vor allem ein Ziel gehabt, das sie auch der Europäischen Zentralbank zur Gründung vor fünf Jahren quasi in die Wiege legten: den Kampf gegen die Inflation. Geldentwertung ist nicht nur ein fernes historisches Schreckgespenst oder ein Problem von Schwellenländern:
Noch Mitte der 70er-Jahre und Anfang der 80er erreichte die Inflation in industrialisierten Staaten zweistellige Werte, lag in Österreich bei rund zehn Prozent, in Großbritannien gar bei heute unbegreiflichen 24 Prozent.

Wie nahe dieses Geschehen heute ist, zeigt die geplante Anhebung des Durchrechnungszeitraums bei den Pensionen: Denn die damals eingezahlten Beiträge, werden sie nicht wertberichtigt, stellen nur noch einen Bruchteil ihres damaligen Wertes dar.

Eine niedrige Inflationsrate ist daher mit gutem Grund ein zentrales Ziel der Geldpolitik. Aber jetzt, da in der Eurozone ebenso wie in den USA die Inflation seit geraumer Zeit bei oder unter zwei Prozent liegt, droht zusammen mit der anhaltenden Wirtschaftsflaute Standfestigkeit zu Starrheit zu werden, kann Inflation in Deflation umschlagen.

Dann passiert, vereinfacht gesagt, was in Japan seit 1995 an der Tagesordnung ist: Konsumenten - Privatpersonen wie Unternehmen -warten angesichts fallender Preise mit Anschaffungen, um billiger einzukaufen. Unternehmen bleiben auf ihrer Ware sitzen und setzen den Preis hinunter, was paradoxerweise keinen Kaufboom auslöst, sondern weiteres Abwarten - auf noch günstigere Schnäppchen. Das Wachstum geht in den Keller, die Arbeitslosigkeit steigt, Nullzinsen können nicht mehr gegensteuern: Denn das Geld im Sparstrumpf bringt mehr, als wenn man es auf die Bank bringt, da in einem Jahr mit demselben Geld mehr gekauft werden kann als im Augenblick.

Die Warnungen mehren sich, dass auch Europa und den USA diese Gefahr droht. Waren es bisher "nur" Ökonomen, gesellt sich jetzt mit dem Internationalen Währungsfonds ein Schwergewicht in den Chor:
Deutschland, so der IWF, könnte bei weiterem schwachem oder gar sinkendem Wachstum auf eine Deflation "zutreiben". Der IWF sieht zwei Prozent Inflation als Minimum, um nicht in die Deflation zu kippen. Das weiter geltende Inflationsziel der EZB verstärkt jedoch diese Gefahr: Denn sie strebt maximal zwei Prozent Inflation an - da einzelne Länder in der Eurozone eine wesentlich höhere Inflationsrate haben, müssen einige Schwergewichter wie Deutschland nahe null liegen.

Verschärft wird diese Situation durch den anhaltenden Höhenflug des Euro, der am Montag erstmals seinen Eintrittspreis von 1,1747 überboten hat. Die Wirtschaftsdaten (das Wachstum der USA ist höher, die Arbeitslosigkeit niedriger als in der EU) können diese Stärke nicht plausibel erklären. Nahe liegend ist, dass die USA durch einen schwächeren Dollar auf Kosten der EU ihr eigenes Wirtschaftswachstum ankurbeln wollen und so der eigenen Deflationsgefahr entgegensteuern. Denn aus US-Sicht bedeutet der billige Dollar: Weniger Importe, mehr Exporte freuen die US-Industrie. Für die EU ist die Rechnung naturgemäß genau umgekehrt.

Die Europäische Notenbank erweist sich dabei als williger Helfer der US-Wirtschaftspolitik, angefeuert noch von EU- Kommissar Solbes, der "kein Problem" mit dem starken Euro hat. Für die Währungshüter, die sich für die Popularität des Euro verantwortlich fühlten, war der anfängliche Kursverfall ein Makel in der Erfolgsstory - obwohl die durch den billigen Euro möglichen Exporte die Optik mehr als wettmachten. Am Tiefpunkt intervenierten EZB und US- Notenbank sogar zugunsten des Euro, das Gegenteil ist jetzt nicht der Fall. Und weiterhin beflügelt die Zinsdifferenz zwischen den USA und der Eurozone den Eurokurs.

Aufgeblasener Euro und ein Wachstum, aus dem schon lange die Luft draußen ist: Es ist höchste Zeit, dass die EZB ihr Zinsruder herumreißt. Selbst dann kann es zu wenig, zu spät sein.

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