"Presse"-Kommentar: Ungeliebt und unterschätzt (von Wolfgang Böhm)

Ausgabe vom 20. Mai 2003

Wien (OTS) - Die Slowakei war das ungeliebteste Kind der Wende.
Für die Abspaltung von Tschechien hatte Europa wenig Verständnis, für Pressburgs politische Kapriolen noch weniger. Plötzlich stand da ein Land, selbstständig, agrarisch, zwielichtig, mit einem Boxer als Premier. Keiner wollte den Slowaken Mitte der neunziger Jahre eine baldige europäische Integration zutrauen.
So wurden sie vorerst beiseite geschoben, in eine zweite Gruppe von EU-Beitrittskandidaten eingereiht. Trotz Abwahl des umstrittenen Regierungschefs Vladimír Me?iar vermied selbst das Nachbarland Österreich, während seiner EU-Präsidentschaft das heiße Eisen anzufassen. Die Slowakei blieb Nachzügler.
Nach so viel äußerer Skepsis hat es die Slowaken viel Anstrengung gekostet, die eigenen Zweifel zu überwinden. Doch bald stand fest, dass sie sich in der harten Schule von Demokratie und Marktwirtschaft bewähren. Das war nicht selbstverständlich, denn wie jedes EU-Kandidatenland schrammte auch die Slowakei mit einem beinharten Reformkurs knapp am sozialen Chaos vorbei - und das ohne materielle Unterstützung wie etwa Ostdeutschland, ohne solide Wirtschaftsstruktur wie Slowenien, Tschechien oder Ungarn.
Nun steht dasselbe Land kurz vor dem Beitritt zur Europäischen Union. Es hat all seine Kritiker Lügen gestraft - auch Österreich, das mangels visionärer Haltung bisher nicht einmal eine ordentliche Verkehrsanbindung zu Stande gebracht hat. Mit dem vorerst deutlichsten Ja aller Kandidaten stimmte die Slowakei für den EU-Beitritt.
Vielleicht waren es gerade die äußeren Skeptiker, die das Land vereint und gestärkt haben.

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