DER STANDARD-Kommentar: "Eurofighter. Mit aller Gewalt" (von Conrad Seidl) - Erscheinungstag 17.5.2003

Die Regierung setzt ihren Beschaffungsplan um - und lässt viele Fragen offen

Wien (OTS) - Im Bundesheer darf man sich schon einmal auf das einstellen, was man in diesem Heer seit 1955 am besten gelernt hat:
auf’s Improvisieren. Im Mai 2007 werden die ersten österreichischen Eurofighter zulaufen - zwei Jahre nachdem die letzten Draken, deren Betrieb längst ziemlich unsicher geworden ist, außer Dienst gestellt werden.

Was, bitte, soll inzwischen passieren? Also, na ja, bitte um Verständnis, da muss also, äh, noch verhandelt werden.

Mit wem? Bruderstaaten hat das neutrale Österreich ja nicht, aber irgendwelche wohlgesonnenen Staaten werden uns kurzfristig mit ein paar Leihflugzeugen aushelfen. Sinnvollerweise werden das ebenfalls Eurofighter sein - und offiziell will noch niemand sagen, dass erstmals seit der Nazizeit deutsche Kampfflugzeuge den Luftraum über dem österreichischen Terri^torium beherrschen sollen. Schon gar nicht, bitte um Verständnis, will man darüber reden, was diese Übergangslösung kosten wird.

Dieses Hin und Her, dieses Improvisieren und Herumtaktieren hat seinen Ursprung darin, dass den österreichischen Regierungen immer alles andere wichtiger war als die Landesverteidigung. Den bedrohlich großen Brocken Abfangjägerbeschaffung hat man daher seit den Siebzigerjahren ein ums andere Mal aufgeschoben. Bis dann die FPÖ in der kleinen Koalition erzwang, dass 1985 wenigstens eine Übergangslösung auf zehn Jahre beschafft wurde. Die Übergangslösung Draken, als Einstieg in die moderne Kampffliegerei gedacht, fliegt nach 18 Jahren noch immer.

Hätte man den altersschwachen Draken plangemäß ab Mitte der Neunzigerjahre durch modernes Gerät ersetzt - Österreich flöge längst den Gripen. Oder die F-16. Oder die Mirage 2000. Und müsste sich in etwa zehn bis 15 Jahren Gedanken darüber machen, ob man den Eurofighter oder den dann zum amerikanischen Standard gereiften Joint Strike Fighter (JSF) als nächstes Flugzeug kaufen sollte. Bei korrekter Umsetzung der eigenen Pläne bräuchte sich Österreich heute keine Gedanken darüber zu machen, wieso die Abfangjäger gerade jetzt (gleichzeitig mit einer Pensionskürzung) und mit solcher Eile beschafft werden.

Und wieso es überhaupt der Eurofighter sein soll. Mit aller Gewalt.

Tatsache ist: Der Eurofighter ist erst sehr spät überhaupt angeboten worden - Mitte der Neunzigerjahre wurde das nur als Prototyp existierende Ding gerade von "Jäger 90" auf "EFA" ("European Fighter Aircraft"), später auf "Typhoon" umbenannt. Das Eurofighter-Konsortium hätte also bei einer vorsorglichen Beschaffungspolitik gar keine Chance gehabt. Und wir hätten weniger Sorgen: In den prosperierenden Neunzigerjahren wäre der Kauf eines Abfangjägers leichter machbar gewesen. Da damals die SPÖ den Kanzler stellte, wäre es wohl in alter Verbundenheit der schwedische Gripen gewesen.

Im Vorjahr aber, die ersten Draken waren (glücklicherweise auf dem Boden und nicht bei einem Flug) bereits kaputtgegangen, wurde die Entscheidung dringend.

Die F-16, das jetzt im Irakkrieg wieder bewährte fliegende Schlachtross, erschien offenbar nicht zukunftsträchtig genug - auch die USA wollen ja in absehbarer Zeit auf den JSF umsatteln. Der Gripen ist eine ambitionierte Entwicklung, aber viel Zukunft dürfte auch in dem Schweden-Flieger nicht stecken.

So kam der Eurofighter, als "new kid on the block" zum Zug: Dass diese Entscheidung nicht nur aufgrund sachlicher Erwägungen getroffen wurde (die drei Flugzeuge waren von der Bewertungskommission alle als geeignet eingestuft worden), liegt auf der Hand: Der Eurofighter ist ein europäisches Gemeinschaftsprojekt, das allein schon wegen seiner übernationalen Zusammenarbeit bedeutsam ist.

Billig ist er nicht - sowohl politisch als auch finanziell könnte man eine Zeit lang mit gebrauchten F-16 oder Gripen leichter durchkommen. Aber diese müssten auch früher wieder ersetzt werden. Und das hieße: Wir hätten in wenigen Jahren wieder die gleiche unsachliche Diskussion.

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