Rede des Herrn Bundespräsidenten / 500 Jahre Rathaus St. Pölten

Eröffnung des Festaktes

Wien (OTS) - Es gilt das gesprochene Wort

Ansprache von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil beim Festakt "500 Jahre Rathaus St. Pölten", 16. Mai 2003

Herr Präsident des Europarates, Frau Landeshauptmann-Stellvertreterin, Herr Bürgermeister, verehrte Festgäste, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aus St. Pölten!

Auf der Fahrt zu Ihnen am heutigen Morgen bin ich an den aufragenden Neubauten des Landhausviertels vorbeigekommen - vorbei auch an modernen Einkaufszentren und Betrieben, vorbei an den geputzten Hausfassaden hier im Stadtzentrum. Und ich habe mich an die Zeit vor mehr als 50 Jahren erinnert: War ich doch damals einer von jenen unzähligen hungrigen Jugendlichen aus Wien, die die graue und zerbombte Bundeshauptstadt vor allem deshalb verlassen haben, um Lebensmittel zu hamstern.

In meiner Erinnerung an damals war St. Pölten vor allem eine große Eisenbahnstation, von der aus man "aufs Land" fahren konnte. St. Pölten war aber auch eine Stadt, in der die sowjetischen Besatzer das absolute Sagen hatten - oder besser in deren Ruinen, die von den Bombardements und Bodenkämpfen der letzten Kriegsmonate übrig geblieben waren. Denn am Ostersonntag 1945 hatten 100 Bomber ihre Last über St.Pölten abgeworfen, wenige Tage später hatte die Rote Armee die Stadt im Kampf von Haus zu Haus erobert. Und was von den Gebäuden im Zentrum noch übrig geblieben war, das wurde von den Sowjet-Soldaten okkupiert - einschließlich des Rathauses, von dem die rote Fahne hing. Bürgermeister wurden in der Folge ein- und abgesetzt und Gemeinderatsbeschlüsse nach Belieben annulliert; die sog. Beuteverwaltung nahm Betriebe in Besitz und requirierte Wohnungen erbarmungslos.

Nun weiß ich - meine Damen und Herren - dass wir heute nicht nur auf 50 Jahre zurückblicken, sondern auf 500 Jahre. Und dass wir zu einem Festakt zusammengekommen sind, an den sich ein Stadtfest anschließen wird. Aber ich meine, wir sollten dennoch in dieser festlichen Stunde - in der draußen die blau-gelben und rot-weiß-roten Fahnen neben den Farben Europas wehen - auch einen Moment innehalten und für das Geschenk eines nunmehr 58 jährigen Friedens dankbar sein. Denn während der 500-Jahr-Periode zuvor hat es niemals - und ich betone: niemals! - einen so langen Friedensabschnitt gegeben, wie wir ihn seit 1945 genießen konnten. Wobei unsere Dankbarkeit vor allem jener Generation gelten muss, die in dieser Zeit den inneren Frieden bewahrt, den Wiederaufbau Österreichs zu einem blühenden Land bewirkt und die Formung eines friedvollen Europas zu einem Kontinent der Sicherheit und des Wohlstands ermöglicht hat.

Damit schließt sich der Bogen: Denn wenn wir heute über 500 Jahre Geschichte und 50 Jahre Zeitgeschehen gesprochen haben, dann deshalb, um für das Morgen die Lehren zu ziehen. Und wenn ich mich selbst an die Zeit um und nach 1945 erinnert habe, dann deshalb, um in die Zukunft zu blicken.

Für diese aber stehen in St. Pölten die Zeichen günstig. Wobei St. Pölten wie kaum eine andere Stadt in Europa durch die Erhebung zum Verwaltungszentrum sowie Wirtschaftsstandort einer dynamischen Großregion eine einmalige urbanistische Chance erhalten hat.

Und ich meine, dass man heute sagen kann: St. Pölten hat diese Chance genützt. Und ich beziehe das nicht nur auf Verkehrsanbindung und Infrastruktur, sondern auf das öffentliche Image und medienwirksame Leitbild. Denn Ihre Stadt ist dabei, sich im Bewusstsein aller Niederösterreicher - ja aller Österreicher - einen besonderen Status, einen spezifischen Stellenwert zu erobern.

Erinnern wir uns: Die Idee, dass Niederösterreich eine eigene Hauptstadt erhalten soll, wurde jahrzehntelang belächelt. Das unglückliche Adjektiv "provinziell" trennte in der Psychologie des Alltags Stadt und Land, Wien und Niederösterreich. Erst Landeshauptmann Siegfried Ludwig durchschlug dann in den 80er- Jahren den Gordischen Knoten und setzte eine Volksbefragung im ganzen Bundesland durch; wobei die Entscheidung von 56 Prozent der Landesbürger für einen eigenen niederösterreichischen Weg für sich sprach: Sie eröffnete nämlich die Möglichkeit einer neuen Partnerschaft zwischen Wien und Niederösterreich. Die Entscheidung für St. Pölten wiederum brachte die Verantwortlichen in der Landesregierung auf den guten Weg, zusammen mit der Stadtverwaltung ein urbanes Experimentierfeld besonderer Art zu schaffen: Einzigartig in Europa, auf hohem städtebaulichen Niveau und ausschließlich den Bedürfnissen der Zukunft verpflichtet; dazu kam der Zuzug vieler weiterer Institutionen, Dienststellen und Unternehmen.

St. Pölten hat auf all das - wie ich meine - richtig reagiert.

Und durch unkonventionelle Schwerpunkte Aufmerksamkeit erweckt:

- So gratuliere ich Ihnen ganz besonders zur Weichenstellung St. Pöltens als Zentrum für neuartige Bildungseinrichtungen - für Fachhochschul-Studiengänge, die Landesakademie, ein Konservatorium.

Ich meine auch, dass nur wenige vergleichbare Siedlungsgebiete eine Vernetzung von Stadt und Land, von Verbauung und Grünräumen besser bewältigt haben als St. Pölten.

- Und nahe zu den einzigartigen Zentren europäischer Hochkultur -wie Melk, Göttweig oder Lilienfeld - hat

St. Pöltens Kunstszene eine ganz neue, ja revolutionäre Dimension erobert. Wer hätte je gedacht, dass diese Barockstadt mit dem reichen Erbe eines Jakob Prandtauer und Daniel Grans heute Österreichs aufregendste Tanzszene besitzt, in der die besten -modern-dance-Gruppen der Welt auftreten?

Wer hätte auch erwartet, dass mit dem neuen Landesmuseum eine der attraktivsten und pädagogisch anregendsten Museumslandschaften Europas entstanden ist?

- Ich könnte fortsetzen und die Kinoszene, die Bühne im Hof, die Galerien und Bibliotheken nennen - und vor allem natürlich das Festspielhaus und das ORF-Studio. Aber es geht mir vor allem darum, den exemplarischen Imagewandel deutlich zu machen, den im Medien-Zeitalter eine urbane Kulturpolitik als Motor der modernen Stadtentwicklung bewirken kann.

Und deshalb möchte ich auch dieses heutige Rathaus-Fest dazu nützen, der Stadt und Ihren Bürgern zu gratulieren - vor allem dazu, das Beste aus der Zusammenarbeit mit dem Land Niederösterreich herausgeholt zu haben. Wobei sich auch in diesem Fall wieder das Bemühen um Konsens - über alle politischen Grenzen hinweg - als segensreich erwiesen hat.

So komme ich zum Schluss. Mögen diese "500 Jahre Rathaus" ein Zeichen dafür sein, dass wir aus der Geschichte lernen können - und dass sich die Arbeit für die Menschen lohnt - als Dienst für die Bürgerinnen und Bürger dieser erfolgreichen Stadt und dieses schönen Bundeslandes Niederösterreich!

Rückfragen & Kontakt:

Österreichische Präsidentschaftskanzlei
Presse und Informationsdienst
Tel.: (++43-1) 53422 230

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | BPK0001