Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Befreiung als Gefahr" (Von Thomas Hörmann)

Ausgabe vom 16. 5. 2003

Innsbruck (OTS) - Die Szenen bei der Rückkehr der befreiten
Geiseln am Salzburger Flughafen erinnerten an die amerikanische Informationspolitik im kürzlich beendeten Golfkrieg. Während etwa die 100 Journalisten auf erste Erfahrungsberichte der Heimkehrer hofften, wurden sie von offizieller Seite mit wenig aussagekräftigen Worthülsen abgefertigt. Die zwei Tiroler und acht Salzburger seien gesund und unverletzt, mehr könne man aus Rücksicht auf die noch in Geiselhaft befindlichen 15 Sahara-Urlauber nicht sagen, wiederholten gebetsmühlenartig Salzburgs Landeshauptmann Schausberger und Johannes Kyrle vom Außenamt. Jede in Europa veröffentlichte Information würde die prekäre Situation der verbliebenen Geiseln noch weiter verschärfen.

Argumente, die nur schwer nachvollziehbar sind. Wenn die Heimkehrer oder auch offizielle Organe erzählen, was die Geiseln gegessen haben, welche Strapazen sie erdulden mussten und wie sie behandelt wurden, wird das das Schicksal der 15 verbliebenen Entführten kaum beeinflussen. Dass die Befreiung geglückt ist, war ohnehin nicht zu verheimlichen.

Und war es nicht die österreichische Außenministerin, die mit dem in Stein gemeißelten Lebenszeichen der Opfer an die Öffentlichkeit ging und sich damit Schelte der deutschen Regierung einhandelte. Weil sie womöglich auch den Entführern mitteilte, dass ihre Geiseln heimlich Spuren in der Wüste legen.

So zynisch es klingen mag: Die Befreiung der Gruppe mit den zehn Österreichern bedeutet wohl die größte Gefahr für die noch gefangene zweite Gruppe. Wie werden die Entführer auf diese offenkundige Niederlage reagieren? Sicher mit erhöhter Vorsicht, vielleicht mit einem weiteren Ortswechsel, hoffentlich nicht mit Gegengewalt oder einer Kurzschlusshandlung. Von Erfahrungsberichten der befreiten Geiseln wird der Ausgang des Wüstendramas aber wohl kaum abhängen.

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