"Neue Kärntner Tageszeitung" - Kommentar: Einen Scheintoten wachgeküsst (von Manfred Posch)

Ausgabe vom 13.05.2003

Klagenfurt (OTS) - Polit-Paradoxon: Die zwischen Alfred Gusenbauer und dem Kärntner Landeshauptmann erfolgte, als Intimtreffen ausgewiesene Zusammenkunft war dermaßen geheim, dass dazu Pressefotografen erschienen. Fest steht, dass dieses eigentümliche Tete-a-Tete zu einer, wenn man so will, punktuellen Allianz zwischen Sozialdemokraten und Jörg Haider führte. Wobei Gusenbauers flott vorgetragener Sprung über den eigenen Schatten zumindest extreme Risikobereitschaft beweist. Für Haider war kein Grund zur Besorgnis vorhanden; er kann zurzeit nur gewinnen. Entsprechend breit sein Lächeln bei kühlem, streirischem Trunk.

Der Kärntner ÖGB-Chef Adam Unterrieder zieht einen aus der Welt der Hightech-Medizin stammenden Vergleich aus der Beurteilungskiste:
Das Treffen mit Gusenbauer sei für das darniederliegende einfache Parteimitglied so etwas wie die Benützung einer verlässlich pumpenden Herz-Lungen-Maschine gewesen. Tatsächlich: Langzeitpatient Haider scheint es zu schaffen, sich via Schüssels Pensions-Raub- rittertum einigermaßen zu erholen. Die vom Wähler vorgenommenen Amputationen, sprich: gewaltiger FP-Stimmenverlust, sind zwar nicht zu übersehen, doch ist der Rekonvaleszent immerhin wieder in das Zentrum der österreichischen Politik gerückt. Und Slalomgroßmeister Herbert Haupt wird nun nicht nur hinter, sondern auch vor den Kulissen klar gemacht, wer bei den zur Kleinpartei herabgesunkenen Freiheitlichen und deren Sympathisanten das Sagen hat. Am Ende könnte herauskommen, dass FP-Quasi-Chef Haupt vom Kärntner Haider-Kreis, der ja über das Copyright des FP-Absturzes Richtung Fünf-Prozent-Bewegung verfügt, sang- und klanglos abserviert wird.

Wer Haider kennt, weiß jedenfalls, dass der Kärntner LH alles daransetzen wird, sich vom Scheintoten flugs zum Rächer der Enterbten aufzuschwingen. Das aktuelle Thema, kalte "Enterbung" der älteren (und jüngeren) Generation, ist für eine solche Auferstehung prächtig geeignet. Mag ja sein, dass Gusenbauer für seine "Haider-Idee" anderswo (Salzburg, Oberösterreich) ohne Wenn und Aber Unterstützung erhält. Der - rote - Süden Österreichs ist etwas sensibler. Hier wird die vom SP-Bundesvorsitzenden angestrebte rot-blaue "Notgemeinschaft" kritisch betrachtet, jedoch keineswegs blauäugig abgelehnt. Denn so Kärntens SP-Chef Peter Ambrozy: "Was immer geeignet ist, diesen unsinnigen, die Österreicher bedrohenden Pensionsreformvorschlag vom Tisch zu bringen, sollte angewendet werden." Praktische Sichtweise:
Haider als Versuchsstation zu einem "Probelauf", der vermutlich nicht nur der breitflächig ungerechten Pensions-"Reform" gewidmet ist. In Wahrheit geht es nämlich nicht zuletzt um den Kanzler, es geht um die gesamte Regierung, es geht um die Frage, ob die schwarz-blaue, von Haider auseinander dividierte Koalition überhaupt noch über eine vernünftige Arbeitsbasis verfügt, es geht um nichts weniger als um die Zukunft Österreichs, eine Zukunft, die Schüssel & Co. aus Ellenbogen- und Sozialabbauperspektive heraus betrachten.

Wie immer man das mehr oder weniger lauschige Gleisdorfer Rendezvous Gusenbauer/Haider in bundespolitischer Hinsicht bewerten mag für Kärnten ist es mit einer speziellen Note verbunden. Von den kommenden Landtagswahlen ist die Rede. Rot könnte, nachdem Haider lange in unattraktiver Out-Phase dahingedümpelt war, hierzulande wieder in längst überwunden geglaubten Gegenwind geraten. Zwar gilt auch für die Politik: Konkurrenz belebt das Geschäft, doch ob des Landeshauptmannes Erwachen mit Qualitätsbelebung in Verbindung zu bringen wäre, darf mit Recht bezweifelt werden.

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