"Die Presse" Kommentar: "Die Museumserde braucht neues Salz" (von Hans Haider)

Ausgabe vom 13.5.2003

Wien (OTS) - Der Schock sitzt tief: Cellinis erotisch-verspieltes Tafelzier-"Salzfass", als ein Hauptwerk des Manierismo weltweit bekannt, haben Diebe abgeholt. Bei Nacht und Schallnebel, denn draußen vor dem Kunsthistorischen Museum tobte noch auf Wiens Straßen die "Lange Nacht der Musik" weiter. Aus dem Museum waren die letzten Music-Night-Gäste um zwei gegangen. Tatzeit laut Bewegungsmelder-Protokoll: 03.55 Uhr. Die Wächter nahmen den Alarm nicht ernst. Je sensibler die Elektronik, desto mehr Fehlalarme.
Auf Dauer der laufenden Kaiser-Ferdinand-I.-Ausstellung, also provisorisch, stellte man das "Salzfass" in einen Bildersaal als hübsche Ergänzung zu den stilverwandten Gemälden. Warum ertönt ein ekliger Sirenenton, sobald sich ein Betrachter zu weit vor zu einem Bild beugt _ warum schrillen nicht alle Alarmglocken, wenn ein höchstwertiges, leicht abtransportierbares Vitrinenstück angefasst wird? Ein Kunstfehler?
Je attraktiveres Gut ein Museum verwahrt, desto ärger das Dilemma zwischen erwünschter Besucherzahl-Maximierung und Totalabschottung aus Sicherheitssräson. In den letzten Jahren machten Vollrechtsfähigkeit und Ausgliederung die Museumsdirektoren zu Kaufleuten. Auch im Wachdienst wirkt immer mehr Gelegenheitspersonal mit. Wer Museen vermietet für jede Art von Event, muss immer mehr Hausfremde dorthin einlassen, wo normalerweise kein Besucher hinkommt.
Soll man deshalb der Museumspolitik eine Kehrtwendung anraten? Mitnichten. Der Weg war richtig. Wenngleich der hoffentlich nur temporäre Verlust des "Salzfasses" die Fantasie beflügeln muss, wie Risken weiter zu mindern sind. Wegen des Zwangs, mit Großausstellungen Gäste und deren Eintrittsgelder anzulocken, wuchs der Leihverkehr ins Unüberschaubare. Ausleihen zwingt zu Gegengeschäften. In Berlin barst jüngst eine ägyptische Steintafel aus dem KHM.
Erhöhte Alarmbereitschaft bei Events in den Museen wird die Kosten dafür erhöhen, aber notwendig sein. Generaldirektor Seipel könnte sagen: Hätte ich die seit Jahren geforderten Sonderausstellungsräume unter dem Maria-Theresien-Platz bekommen, hätte ich nicht für die Ferdinand-Schau das Salzfass vom gesicherten Platz rücken müssen#.#.#. Gewiss zu gering hat er die Risken an den Fassaden angesetzt _ obwohl vor zwanzig Jahren Diebe über ein Baugerüst die besten Alten Meister aus dem Budapester Kunstmuseum holten.
Das ganze Versicherungswesen für die _ nun auch der bequemen "Staatshaftung" ledigen _ Museen muss überdacht werden. Auf beiden Seiten. Addiert die Assekuranz den Handelswert aller Museumsstücke, werden die Prämien unbezahlbar. Wie einen Wiederbeschaffungswert für Kunst festlegen, die nicht am Markt ist? Was machte das Kunsthistorische Museum mit 50 Millionen Euro, dem behaupteten "Wert" des Salzfasses?
Murphy's Law lehrt: Was nur passieren kann, passiert. Kein Trost! Dass es dort passierte, wo ein agiler Kunstimpresario Wiens buntesten Betrieb organisiert, wo Touristen bestens versorgt und sogar Wiener Kunstmuffel wieder neugierig wurden, wollen wir Künstlerpech nennen. Langfinger wählen am ehesten das offenste Haus. Nun ist Wilfried Seipels Genie gefragt: Wie es wieder so verriegeln, dass niemand was merkt?

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