OeNB - ,Finance for Growth'

~ in der Publikationsreihe "Berichte und Studien", Heft 1/2003 ~

Wien (OTS) - Zwischen der Realwirtschaft und dem Finanzsystem besteht eine komplexe wechselseitige Beziehung, die die Wirtschaftspolitik vor eine Reihe von neuen Herausforderungen stellt. Im Rahmen eines Workshops der OeNB am 27. Jänner 2003 diskutierten ExpertInnen, welches Finanzsystem die besten Eigenschaften für Wirtschaftswachstum, Risikoallokation und Stabilität aufweist. Diese Beiträge werden nun in der Publikationsreihe Berichte und Studien veröffentlicht.

Aus den Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte konnten wertvolle Erkenntnisse über das Verhalten von Banken gewonnen werden. Es zeigte sich, dass die Liberalisierung von Finanzmärkten, wie sie
in vielen Teilen der Welt umgesetzt wurde, mit großen Risiken verbunden ist. Schließlich stellt die Finanzmarktliberalisierung
- ähnlich wie eine hohe Inflationsrate - einen starken monetären Schock dar. Die Art, wie der Finanzsektor auf derartige Schocks reagiert, kann Gesetzmäßigkeiten verraten, die von seiner Marktstruktur erzeugt werden. Die Liberalisierung des österreichischen Finanzsektors, die schrittweise zwischen 1977
und 2000 umgesetzt wurde, löste wider Erwarten keine Finanzkrise aus, sondern machte sich vielfach bezahlt. Dies ist das Ergebnis einer Studie von Benedikt Braumann (IWF). Diese Studie lässt
drei Schlüsse zu: Erstens hat sich eine Strategie vorsichtiger, kleiner Reformschritte bewährt. Dank der Aufgliederung der
Reformen in überschaubare Stufen wurden eine Bündelung von Risikofaktoren und das Auftreten spekulativer Blasen verhindert. Zweitens wurde die Reform zeitlich so durchgeführt, dass sie den Konjunkturzyklus stabilisierte. Schließlich dürfte eine Rolle gespielt haben, dass ein großer Bankensektor auch
vielschichtiger ist und interne Stabilisatoren entwickelt. In Österreich bewirkte die starke Präsenz von Sparkassen und Genossenschaftsbanken ein leicht antizyklisches Verhalten bei
der Kreditvergabe, einen Finanzdezelerator.

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit einer Vielzahl von Themen. Ein Beitrag - von Peter Mooslechner (OeNB) zum Thema "Finance for Growth, Finance and Growth, Finance or Growth ...?
Drei Erklärungsansätze zum Konnex zwischen den Finanzmärkten und der Realwirtschaft" - behandelt ausgewählte Aspekte, die im Hinblick auf wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen besonders relevant sind. Der Autor weist u.a. auf die Richtung hin, die
die Debatte kapitalmarktdominiertes System kontra
bankendominiertes System im ausgehenden 20. Jahrhundert genommen hat. Während die aktuelle Literatur keines der beiden Systeme im Hinblick auf ihren Einfluss auf das Wirtschaftswachstum als überlegen sieht, verlagert sich der Blickwinkel zunehmend auf
den generellen Entwicklungsstand des Finanzsektors und dabei auf
die Schlussfolgerung, dass sich entwickelte Finanzmärkte positiv auf die gesamtwirtschaftliche Performance auswirken. Es zeichne
sich ein Paradigmenwechsel ab, in Richtung einer
makroökonomischen Theorie, in der die Finanzmärkte und ihre Auswirkungen auf die Realwirtschaft einen zentralen Analysebestandteil darstellen.

Im Mittelpunkt der Studie "Aktienmärkte, Shareholder Value
und Investitionen" von Engelbert Stockhammer (Wirtschaftsuniversität Wien) stehen die Auswirkungen der Aktienmärkte auf die Unternehmensinvestitionen. Der Autor untersucht, ob die zunehmende Bedeutung einer kapitalmarktorientierten Unternehmensführung, und die verstärkte Ausrichtung der Managementprioritäten auf die Schaffung von Shareholder Value ("Finanzialisierung") das Investitionswachstum geschmälert haben. Die Hypothese, dass die "Finanzialisierung"
die Investitionstätigkeit gebremst hat, bestätigt sich für die Vereinigten Staaten und Frankreich sehr deutlich und für das Vereinigte Königreich teilweise, für Deutschland allerdings
nicht.

Franz Hahn (WIFO) untersucht den Zusammenhang zwischen "Finanzmarktentwicklung und Wachstumsschwankungen in den OECD-Ländern" für 22 OECD-Länder im Zeitraum 1970 bis 2000, und zwar im Hinblick auf die Rolle, die die Finanzmarktentwicklung bei
der Ausbreitung realer und monetärer Schocks hat. Die Analysen bestätigen die Vermutung, dass sowohl kapitalmarktdominierte als auch bankendominierte Finanzsysteme monetäre Schocks verstärken, reale Schocks hingegen abfedern. Interessanterweise lassen die vorläufigen Ergebnisse darauf schließen, dass Aktienmärkte destabilisierend auf den Konjunkturverlauf wirken.

Eng mit dieser Thematik verknüpft ist die Fragestellung von Benedikt Braumann (IWF): "Wirkt in Europa ein Finanzdezelerator? Eine Analyse für Österreich." Im Mittelpunkt dieser Studie steht die Liberalisierung des österreichischen Finanzmarktes, der bis
in die späten Siebzigerjahre zu den am stärksten reglementierten in Europa zählte. Dass die Finanzmarktliberalisierung ohne
Krisen über die Bühne ging, ist einer Bündelung von Faktoren zu verdanken. Eine Schlüsselrolle spielten der große heimische Bankensektor, der interne Stabilisatoren entwickelte, und die
weit verbreitete Finanzierung über die Hausbank, auf Grund derer der Bilanzkanal in Österreich weit weniger ausgeprägt ist. Maria Valderrama (OeNB) untersucht in ihrem Beitrag "Bankenstruktur
und Investitionen in Österreich: Empirische Evidenz" die Auswirkungen dieser in Österreich so wichtigen
Hausbankbeziehungen auf die Investitionstätigkeit. Sie kommt zu
dem Schluss, dass sich das Vorliegen einer Hausbankbeziehung in
der Investitionstätigkeit österreichischer Unternehmen positiv niederschlägt. Schließlich untersucht Klaus Gugler in seinem Beitrag "Corporate Governance, Investitionen und Wachstum" den Einfluss von Finanzierungsrestriktionen auf die Investitionsentscheidungen von Firmen. Wie bei österreichischen Unternehmen der Zusammenhang zwischen Finanzierung und Wachstum aussieht, hängt laut Gugler stark von der jeweiligen Eigentumsstruktur ab: Positive Sensitivitäten zwischen Investitionen und dem Cash-Flow sind bei familienkontrollierten Firmen ein Indiz für Finanzierungsrestriktionen und Unterinvestition, bei staatlich kontrollierten Firmen hingegen
für den Ermessensspielraum des Managements (Managerial
Discretion) und für Überinvestition. Bei bankenkontrollierten Firmen kann der Autor hingegen keinen Einfluss des Cash-Flows
auf die Investitionstätigkeit nachweisen.

Die wesentlichen Ausführungen der Teilnehmer am Podium zum
Thema "Welches Finanzsystem für Europa?" runden dieses Schwerpunktheft ab.

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