"Oberösterreichische Nachrichten" - Leitartikel von Hans Köppl (10.5.2003): Wunschlos unzufrieden

Warum die Wirklichkeit als Dauerkrise gedeutet wird

Linz (OTS) - Ist Streiken in Zeiten wie diesen wirklich eine politisch-moralische Verpflichtung, wie der Tiroler Arbeiterkammerpräsident Alfred Dirnberger die Lage einschätzt? Die Pensionssicherungspläne der Bundesregierung sind gewiss nicht von der Art, die sich die berufsaktiven Österreicher als ihre Lebensqualität im Alter sichernd vorstellen. Schon vor dem Pensionssicherungscoup der Regierung Schüssel II waren fast 40 Prozent der Österreicher mit ihrer Altersvorsorge eher beziehungsweise sehr unzufrieden.
Die sich verschlechternden Pensionsaussichten schließen nahtlos an die Einkommensminderungen an, die seit geraumer Zeit vor allem älteren Arbeitnehmern abgenötigt werden; eine Folge der anhaltenden Konjunkturschwäche, sowie der Verschärfung des Wettbewerbs, der die Ertragsmargen schrumpfen lässt. Überhaupt scheinen die Österreicher mit ihrer Einkommenssituation immer weniger zufrieden zu sein. Im zuletzt veröffentlichten Arbeitsklima-Index empfanden bereits 40 Prozent aller Arbeitnehmer ihr Einkommen subjektiv als zu gering. Besonders unter den Arbeitern wirkte sich dies in einer eher gedämpften Zufriedenheit mit ihrem Leben aus.

Wie schlecht oder wie gut geht es uns wirklich? Wenn wir die Nachrichtensendungen im Fernsehen einschalten oder die Zeitungen aufschlagen, springen uns die negativen Meldungen förmlich an, Krieg und Terror, Seuchen und Elend, Raubkapitalismus und vieles Schlechte mehr, eine Welt im dauernden Krisenzustand. "No solution, revolution" tönt die radikale Alternative.
Vergleiche, heißt es, würden uns sicher machen. So hat etwa John Maynard Keynes bereits 1930 nach gewiesen, dass trotz des Bevölkerungszuwachses der durchschnittliche Lebensstandard in Europa und den USA viermal so hoch war wie im Jahre 1700. Unterlegt man ein durchschnittliches jährliches Wachstum des Sozialprodukts von zwei Prozent, würde der Lebensstandard unserer Enkel in 100 Jahren noch einmal um das Siebenfache höher sein. Unvorstellbar, was das konkret bedeuten muss, wenn man an die heutigen Autolawinen denkt, an die üppigen Angebote der Supermärkte, der Vergnügungsindustrie, der Tourismusindustrie usw. Sind unser Enkel dann um sieben Mal zufriedener als wir? Oder schätzen sie das Erreichte und Angebotene dann ebenfalls nur so gering ein wie ihre Großeltern heute?

Zwei Erklärungen bieten sich an. Erstens: Der materielle Standard allein, das hohe Einkommen, so wichtig es auch als Voraussetzung für ein zufriedenes Leben ist, stehen nicht wirklich an der Spitze der menschlichen Bedürfnispyramide, Selbstachtung lässt sich nicht in Geldwert messen. Zweitens: Je besser es den Menschen geht, desto weniger schätzen sie das, was ihnen die Verbesserung beschert hat, zum Beispiel die Pharma- und Chemieindustrie, die Schulmedizin. Letztlich läuft geht es so weit, den Segen zum Fluch umzudefinieren, die echte Satisfaktion in wunschloser Unzufriedenheit zu finden und die Wirklichkeit als Dauerkrise zu deuten.

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