Rede von Bundespräsident Dr.Thomas Klestil anlässlich der Überreichung des Großen Goldenen Ehrenzeichens am Bande für Verdienste um die Republik Österreich an den Präsidenten der EZB Dr. Willem Frederik Duisenberg am 9. Mai 2003

Wien (OTS) - Herr Bundeskanzler, Herr Bundesminister,
Herr Gouverneur, Herr Präsident der Nationalbank - meine Damen und Herren - vor allem aber: Lieber Herr Präsident Duisenberg!

Oscar Wilde hat in seiner angelsächsischen Spottlaune einmal gesagt:
"Als ich jung war, glaubte ich, dass Geld das wichtigste im Leben sei - jetzt, da ich alt bin, weiß ich, dass es das wichtigste ist".

Ich meine, dieses Bonmot könnte auch von jenem stammen, der in die Geschichte Europas als "Mister Euro" - oder präziser: als "Mijnheer Euro" - eingehen wird: Willem Frederik Duisenberg.

Nun gehört es zu den wohl schönsten Aufgaben des österreichischen Bundespräsidenten, namens unserer Republik jenen Persönlichkeiten ein "Danke" zu sagen, die sich herausragende Verdienste um unser Land erworben haben. Und so danke ich Ihnen - verehrter Herr Präsident -namens meiner österreichischen Landsleute für Ihre hervorragende Tätigkeit als europäischer Währungshüter und für Ihren Einsatz im Dienst einer großen Sache - der friedlichen Integration Europas und der Mehrung von Wohlstand und sozialer Sicherheit auf dem ganzen Kontinent:
• Sie haben eine der großen Visionen Europas in die Wirklichkeit umgesetzt und die Bürger Europas seit Beginn der Währungsumstellung überzeugt, dass das Projekt einer gemeinsamen Währung nicht nur Zustimmung, sondern aktive Unterstützung verdient;

  • Sie haben den Kabinetten der Mitgliedsländer bewusst gemacht, dass das Eurosystem von Regierungseinfluss frei bleiben muss;
  • und Sie haben an führender Stelle bewirkt, dass heute der EURO

nicht nur die zweitwichtigste Reservewährung der Welt ist - sondern auch rd. 50 Länder ihre Währungen mehr oder weniger an den Euro gebunden haben.

Das war alles andere als ein einfaches Unterfangen; und mittlerweile erzählt man sich auch viele Geschichten von der Zielstrebigkeit und Unbeugsamkeit des "Mister Euro". Unserem ORF haben Sie einmal in einem Interview gesagt, dass Sie jetzt laufend sehr viele Ratschläge von den Politikern bekommen. Aber - so zogen Sie die Konsequenz -und ich zitiere: "Da wird man stur. Und man muss weise genug sein, nicht auf alle zu hören".

Dabei kommt Ihnen zugute, dass Sie gewissermaßen alle Seiten der Medaille kennen. Ich meine damit, dass Sie die allerbesten Voraussetzungen für Ihre heutige Funktion mitgebracht haben: Ihr Lebenslauf führte Sie vom Wissenschaftler und Universitätsprofessor an der Universität Amsterdam zum Finanzminister der Niederlande; von dort in den Chefsessel der "Nederlandschen Bank" und schließlich in die Europäische Zentralbank. Allein diese vier Stationen -Nationalökonom, Politiker, Bankdirektor und EZB-Präsident - machen deutlich, dass Ihnen so schnell niemand etwas vormachen kann, weil Sie ein Problem jeweils von allen Seiten beleuchten können. Sie wissen um die unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse -ebenso wie über die Wünsche und Möglichkeiten - Bescheid. Und was das Vertrauen der Öffentlichkeit in Ihre Kompetenz betrifft, so können Sie auf Ihr Wissen, Ihre Glaubhaftigkeit, die "Festigkeit in der Sache" und auf Ihre Überzeugungskraft bauen.

Meine Damen und Herren!

Es ist europäische Normalität, über alles - wichtig oder unwichtig -lange und kontrovers zu diskutieren. Das macht Entscheidungsprozesse in Europa nicht leicht - wie wir alle leidvoll wissen. Und so ist eben auch das Zusammenwachsen Europas ein mühsamer Prozess, begleitet vom Jammern der Pessimisten, vom Raunzen der Skeptiker und vom Wehklagen der Betroffenen.

Aber besteht Grund für solches Verhalten? Können wir nicht mit Genugtuung feststellen, dass im Rückblick die Geschichte der Integration Europas eine einzigartige Erfolgstory ist? Und dass der freiwillige Verzicht auf nationale Souveränität ohne Beispiel ist?

Tatsächlich liegen seit damals fast 60 Jahre in Frieden hinter uns und die Historiker sagen uns, dass es seit dem Mittelalter niemals eine so lange Periode gegeben hat, in der europäische Erbfeindschaften oder Interessenskonflikte nicht zum Krieg geführt hätten und Menschen nicht gewaltsam um ihr Leben, Hab und Gut gebracht wurden. Vielmehr bauten nach 1945 weitsichtige Europäer im Schatten des Eisernen Vorhangs das Fundament des gemeinsamen Hauses. Und natürlich spielte die Erinnerung an zwei Weltkriege eine Rolle sowie die Angst vor einem dritten, der wohl über die Köpfe der Europäer hinweg atomar ausgetragen worden wäre.

Es begann mit der Gemeinschaft für Kohle und Stahl, es folgten die Gründung der Europäischen Investitionsbank, die Schaffung der Zollunion, die schrittweisen Erweiterungen der EWG bzw. EG, das Schengen-Abkommen, der Maastricht-Vertrag - und schließlich als Krönung die lange Vorbereitung und Einführung des EURO.

Wer aber hat wirklich daran geglaubt, dass dieser EURO so schnell eine Selbstverständlichkeit werden könnte angesichts der vielfachen Eigenart und Eigenwilligkeit der europäischen Traditionen - und angesichts der Anhänglichkeit der Europäer an ihre alten Währungen? War es nicht so, dass man die nationale Wertigkeit an den Kurszetteln der eigenen Währung abgelesen hat? Und besaßen nicht einige Währungen geradezu Kultstatus, indem selbst die Motive auf den alten Geldscheinen Sentimentalität auslösten?

Das alles ist heute Vergangenheit. Das "Unternehmen EURO" ist abgeschlossen. Auf dem zweitgrößten Binnenmarkt der Welt ist die gemeinsame Währung voll akzeptiert. Und mittlerweile legte der EURO gegenüber dem Dollar fast täglich zu.

Alles das haben wir zu einem großen Teil Präsident Duisenberg zu verdanken. Und ich freue mich, dass er auch jenen Schritt mitbegleiten wird, der uns - und auch darüber besteht kein Zweifel -neuen Mut und Optimismus abverlangt: ich meine die Erweiterung der Union auf 25 Mitglieder - mit allen währungspolitischen Konsequenzen.

Nun gibt es auch für diesen vor uns liegenden Prozess wieder skeptische Stimmen und sorgenvolle Kommentare. Und leider gibt es auch in einigen Ländern innenpolitisch-motivierten Opportunismus.

Dabei müssen wir uns gerade hier - von Österreich aus - fragen:

Warum sollten die neuen Mitglieder der EU nicht in der Lage sein, auch den währungspolitischen Aufgaben und Pflichten nachzukommen? Waren nicht gerade wir Österreicher Zeugen dafür, wie energisch die meisten von ihnen den totalen Bruch mit der Vergangenheit bewältigt haben? Haben wir nicht miterlebt, wie sehr auch die kleinen Leute in diesen Ländern Opfer gebracht haben, um den Kommunismus zu überwinden? Wieviel Fleiß steckt in den Wachstumsraten, die vielfach weit über jenen der EU-Staaten liegen? Kaum eine andere regionale Ländergruppe weist mittlerweile eine derartige Erfolgsbilanz auf wie die ehemaligen Volksdemokratien. Wobei der Anteil der Exporte der Beitrittsländer in den EU-Raum im Durchschnitt bei 70 Prozent liegt.

Umfragen ergeben schließlich auch, dass die Menschen den EURO bereits als Symbol der gemeinsamen "Heimat Europa" sehen.

Meine Damen und Herren!

Sie wissen, dass ich in zwei Wochen Gastgeber eines Treffens von 17 Staatspräsidenten in Salzburg sein werde, die ebensoviele Staaten Mitteleuropas und des Balkanraumes vertreten. Historiker meinen, dass dies das größte Treffen von Staatsoberhäuptern seit dem Wiener Kongress sein wird. Wie auch immer: Es geht darum, vor aller Welt klarzumachen, dass der Prozess der EU-Erweiterung unumkehrbar ist -dass es aber auch für jene Staaten eine europäische Perspektive geben muss, mit denen die Union noch nicht über eine Mitgliedschaft verhandelt. Dass in Salzburg sicherlich auch finanzpolitische Fragen ein Beratungsthema sein werden, steht außer Frage; weshalb ich in Salzburg auch zu einem Runden Tisch für die Staatspräsidenten und höchstrangige Vertreter der europäischen Wirtschaft einladen werde.

Und damit bin ich wieder bei Oscar Wilde, der wusste und nicht nur glaubte, dass Geld etwas sehr "Wichtiges" ist - auch wenn es zu seiner Zeit bereits ein britisches Commonwealth, aber noch weit und breit kein gemeinsames und großes Europa gab. Unsere österreichischen Vorfahren wiederum hatten damals auch bereits ihre währungspolitischen Erfahrungen gemacht. Immerhin konnte man den gemeinsamen Wirtschaftsraum der österreichisch-ungarischen Monarchie nach dem sogenannten Ausgleich nur mit Hilfe und dank einer gemeinsamen Währung aufrecht erhalten; was historisch belegt, dass eine Gemeinschaftswährung letztlich die Voraussetzung einer politischen Union ist.

Sie, verehrter Herr Präsident, sind ein großer Freund Österreichs. Und ich weiß von meinem Freund Gouverneur Klaus Liebscher, wie gut die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und ihm, zwischen EZB und Oesterreichischer Nationalbank funktioniert. Lassen Sie mich daher heute auch die Gelegenheit ergreifen, dass ich mich auch bei allen Verantwortlichen unserer heimischen Notenbank bedanke: Bei Dir, Herr Gouverneur, bei Ihnen, Herr Präsident Wala, bei den Mitgliedern von Direktorium und Generalrat - sowie allen Mitarbeitern. Vor und nach der EURO-Bargeldeinführung haben Sie alle Großartiges geleistet - und ich weiß mich einer Meinung mit der überwiegenden Mehrheit der Österreicher, dass der EURO für unser Land unverzichtbar ist.

Ihnen aber, Herr Präsident Duisenberg, darf ich den Dank unserer Republik in Form des "Großen Goldenen Ehrenzeichens am Bande für Verdienste um die Republik Österreich" zum Ausdruck bringen. Es ist dies das äußere Zeichen unseres Dankes für Ihren großen Einsatz im Interesse der europäischen Integration, von der auch Österreich außerordentlichen Vorteil bezieht.

Ihnen selbst wünsche ich weiterhin viel Gesundheit, Tatkraft, Optimismus und Lebensfreude! Herzlichen Glückwunsch!

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