Pittermann: Schlaganfall Früherkennung wichtig

Jede vierte Person erleidet im Laufe ihres Lebens einen Schlaganfall - Rasche Versorgung verbessert Überlebenschancen

Wien (OTS) - Jährlich erleiden in Österreich bis zu 20.000 Menschen einen Schlaganfall, allein in Wien sind es 3.750 Personen im Jahr. Der so genannte Hirninfarkt ist in unserer Gesellschaft die häufigste Ursache für eine bleibende Behinderung. An die 100.000 Menschen leben österreichweit mit den Folgen eines Schlaganfalls, jedoch ein Drittel der Bevölkerung ist im weiteren Sinn betroffen:
als Patient oder Angehöriger. Das kumulative Erkrankungsrisiko bis zum 85. Lebensjahr beträgt 25 %, das bedeutet, dass eine von vier Personen einen Schlaganfall erleidet.

"Die Stadt Wien nimmt auf dem Gebiet der Schlaganfallversorgung und -prävention eine Vorreiterrolle ein", betont Wiens Gesundheitsstadträtin Prim. Dr. Elisabeth Pittermann am Mittwoch in einem Mediengespräch. "In Wien gibt es eine flächendeckende Versorgungsstruktur mit sogenannten Stroke Units. Wir können aber nur dann wirksam helfen und langfristige Schädigungen des Gehirnes möglichst hintan halten, wenn sich die Menschen bei den ersten Alarmzeichen sofort in ärztliche Betreuung begeben", so Pittermann. Erkennungsmerkmale eines Schlaganfalles seien vor allem halbseitige Lähmungen, Gefühlsschwächen, Sprachstörungen oder plötzlich auftretende Sehschwächen. "In diesem Fall darf unter keinen Umständen gezögert werden. Die verstopften Blutgefäße müssen so rasch wie möglich wieder geöffnet werden - hier zählt jede Minute", appelliert Pittermann an die Wienerinnen und Wiener, dem Schlaganfall - den jede vierte Person im Laufe ihres Lebens erleidet- aufmerksam gegenüber zu stehen.****

Was passiert beim Hirninfarkt?

Beim Schlaganfall handelt es sich um eine Mangeldurchblutung des Gehirns, weil entweder ein zum Gehirn führendes Blutgefäß plötzlich verstopft wird oder eine Blutung durch einen plötzlichen Riss eines Blutgefäßes im Gehirn hervorgerufen wird.

Anzeichen des Schlaganfalls

a) halbseitige Schwäche
b) halbseitige Gefühlsstörung
c) Sehstörung
d) Sprachstörung

Die vier häufigsten Ausfallserscheinungen sind:

a) Eine plötzlich auftretende Schwäche auf einer Körperseite. Die Schwäche kann alle Bereiche des Körpers (Gesicht, Arm oder Bein) betreffen oder aber einen bzw. zwei Bereiche des Körpers. Die Schwäche kann gering ausgeprägt sein oder aber zu einer hochgradigen Schwäche führen, sodass der Betroffene kaum

Bewegungen ausführen kann.
b) Ein plötzlich auftretendes Taubheitsgefühl auf einer Körperhälfte.
c) Eine plötzlich auftretende Sehstörung (auf einem Auge oder nach einer Seite).
d) Eine plötzlich auftretende Sprachstörung: Die Sprache ist oft

schwer verständlich oder unverständlich, es werden falsche Wörter gebildet. Das Sprachverständnis ist gestört. Der Betroffene hat Schwierigkeiten Anweisungen ("Heben Sie den linken Arm") zu befolgen.

Rasche medizinische Versorgung verbessert Überlebenschancen

"Tritt auch nur eines der typischen Schlaganfall-Merkmale auf, muss jede Zeitverzögerung vermieden werden", betont Prim. Dr. Ludwig Kaspar, Direktor der KAV-Teilunternehmung Krankenanstalten und Pflegeheime. "Patienten, die innerhalb von drei Stunden im Krankenhaus eintreffen und dort in Stroke Units, also in speziellen Schlaganfall-Einrichtungen, behandelt werden, haben bessere Überlebens- und Rehabilitationschancen".

Im Jahr 1999 wurde der Wiener Schlaganfall-Plan entwickelt und sah einerseits die Schaffung von 40 Stroke Unit Betten und andererseits die enge Vernetzung zwischen dem Rettungswesen und den Stroke Units vor. Ziel des Plans war, dass ein möglichst großer Teil der PatientInnen innerhalb des therapeutischen Fensters von drei Stunden an einer Stroke Unit aufgenommen wird.

Strukturkriterien für Stroke Units

"In Wien sind derzeit 34 Stroke Unit Betten eingerichtet", berichtet Kaspar. Die Stroke Units hätten bestimmte Strukturkriterien zu erfüllen. Unter anderem müsse jeder Einheit je ein Facharzt für Neurologie hauptverantwortlich zugeordnet, sowie ein Facharzt für Innere Medizin rund um die Uhr verfügbar sein. Ebenso müsse je Stroke-Bett eine Gesundheits- und Krankenpflegeperson sowie für jeweils sechs Betten mindestens eine Person für den Therapiebereich zur Verfügung stehen. Zudem wäre eine Fülle an infrastrukturellen Anforderungen betreffend Technik und räumliche Ausstattung zu erfüllen.

Mamoli: Schlaganfallnachsorge ist von enormer Bedeutung

Altersstandardisierte Studien haben gezeigt, dass die Mortalität des Schlaganfalls zwischen 1970 und 1994 um mehr als 50% gesenkt werden konnte. In Wien liegt die Mortalität innerhalb von 30 Tagen bei 12% und erfüllt somit in hohem Maß die internationale Forderung nach einer Mortalität unter 20%. Die Lebensqualität der Schlaganfallpatienten ist neben ihrem sozialen Umfeld von der Behinderungsart und vom Behinderungsgrad abhängig. So findet man bei Personen, die einen Schlaganfall länger als sechs Monate überleben in 50 % der Fälle eine Halbseitenlähmung, bei rund 20 % eine Gehunfähigkeit, eine Sprachstörung bei 15% und in etwa 30 % aller Fäll eine Depression. 25% der PatientInnen entwickeln innerhalb eines Jahres eine Demenz.

Das menschliche Gehirn hat ein hohes Rehabilitationspotential

Forschungsergebnisse des letzten Jahrzehntes haben die Bedeutung rehabilitativer Maßnahmen unterstrichen. "Die ursprüngliche pessimistische Annahme, der zur Folge neuronale Strukturen unveränderbar festgelegt sind und eine Regeneration innerhalb des Zentralnervensystems nicht möglich sei, wurde widerlegt", so Univ. Prof. Dr. Bruno Mamoli, Vorstand der Neurologie am Rosenhügel. "Das Gehirn des Menschen hat ein erstaunliches Rehabilitationspotential und ist teilweise in der Lage, sich umzuorganisieren." Ziel der Rehabilitation müsse es daher sein, einerseits über Physiotherapie und Logopädie die im Gehirn kompensierend vor sich gehenden Veränderungen zu fördern, andererseits über die Ergotherapie Strategien zu erlernen um trotz eines vorhandenen Defizits die Verrichtungen des täglichen Lebens besser bewältigen zu können.

"Das Konzept der Schlaganfallbehandlung hat in der Ablauforganisation somit neben der Akutversorgung die fachspezifische akute Nachbehandlung und die Langzeitrehabilitation inklusive der neuropsychologischen Rehabilitation zu umfassen", so Mamoli abschließend.

Lang: Einheitliche Dokumentation sichert die Qualität

"Die Stroke Units wurden österreichweit nach einheitlichen Strukturen geschaffen.", so Univ. Prof. Dr. Wilfried Lang, Vorstand der Neurologischen Abteilung der Barmherzigen Brüder. "Die Verteilung erfolgte nach dem Kriterium einer möglichst raschen Erreichbarkeit. Dank der einheitlichen Strukturen konnte ein gut funktionierendes Netzwerk geschaffen werden", so Lang. So verfüge beispielsweise die Wiener Rettung über den aktuellen Bettenstand jeder Stroke-Einheit und informiere die Stroke Unit vorab über jede/n PatientIn.

Zudem gebe es, so Lang, neben der einheitlichen Struktur in ganz Österreich eine einheitliche Dokumentation zur Qualitätssicherung der Stroke Units. Die Dokumentation wurde in Zusammenarbeit zwischen dem Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) und der Österreichischen Schlaganfall-Forschungsgesellschaft etabliert und erfolgt - in anonymisierter Form - über das Internet. Eines der Ergebnisse aus der Wiener Schlaganfall-Datenbank zeige deutlich die Gründe für Zeitverzögerungen der Kontaktaufnahme der Wiener Rettung:

o abwartende Haltung der Betroffenen: 61,8 %
o rasche Rückbildung der Symptomatik: 5,2 %
o Aufsuchen des Hausarztes: 8,7 %
o Hilflosigkeit in der Akutsituation: 15,3 %
(Bewusstlosigkeit, Sprachstörungen, Lähmung)
o andere Gründe: 9,0 %

"Aus den Informationen, die aus den Datenbanken gefiltert wurden, können nun gezielte Projekte im Bereich der Schlaganfall-Vor-und Nachsorge entwickelt werden", bemerkt Prof. Lang.

Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Bereich

Die individuellen Bedürfnisse der Schlaganfall-Patienten unterscheiden sich beträchtlich. Mit der Schaffung der Stroke Units wurde eine spezialisierte Betreuung der PatientInnen etabliert. "Nun gilt es, die Spezialisierung in der Betreuung über die stationäre Rehabilitation bis in den niedergelassenen Bereich fortzusetzen", so Lang. Gemeinsame Fortbildungen, die Durchführung gemeinsamer Projekte sowie der Aufbau einer regionalen Zusammenarbeit zwischen Stroke Units und niedergelassenem Bereich seien bereits in Arbeit.

Zudem sei innerhalb der vergangenen Jahre bereits ein Netzwerk von Selbsthilfegruppen entstanden. Diese arbeiten mit benachbarten Stroke Units zusammen und haben eine Reihe von Aktivitäten entwickelt. Betroffene und Angehörige der Selbsthilfegruppen aus Niederösterreich und Wien haben gemeinsam das Konzept eines "Entlassungsmanagements für Betroffene und Angehörige" erstellt. Die Umsetzung dieser Forderungen sei in Arbeit. (Schluss) bw/rog

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