"Die Presse" - Kommentar: "2x2

4 trotz Streiks" von Andreas Unterberger Ausgabe vom 3.Mai 2003

Wien (OTS) - Die Gewerkschaften haben Probleme mit den Grundrechnungsarten. Und das wollen sie in den kommenden Tagen lautstark demonstrieren.
Das Rechnen ergibt klar: Das Durchschnittsalter der Österreicher wird (zum Glück) laufend und rapide höher; die Zahl der Kinder sinkt (leider) rasch ab. Beides macht eine Reform des Pensionssystems dringend notwendig: Sowohl ein höheres Antrittsalter wie auch Pensionssenkungen sind unumgänglich.
Theoretisch wären zusätzlich auch höhere Beiträge möglich. Nur:
Das würde die schon rekordhohe Abgabenquote weiter erhöhen, das würde den Standort Österreich weiter verschlechtern. Also die Bereitschaft senken, hier wirtschaftlich aktiv zu werden und anderen Arbeit zu geben.
So sehr einige Aspekte der Pensionsreform diskutabel sind, so wenig glaubwürdig ist es, wenn nun der ÖGB so tut, als wüsste er Alternativen, die weniger peinsam wären. Er will nur eines: ein weiteres Hinauszögern der Reform. Was aber das Ergebnis hätte, dass dann die Kosten der Sanierung noch viel schmerzhafter werden.
Der Streik schadet daher den Arbeitnehmern dreifach: erstens, weil er die Altersvorsorge der Jungen durch zusätzliche Milliardenschulden zu belasten droht; zweitens, weil Investitionen in Österreich unattraktiver werden; drittens aber auch, weil wirksame Streiks das Wirtschaftswachstum in diesem Land noch mehr schwächen. Zeitpunkt des Streiks: Stunden, nachdem wieder ein heimischer Paradekonzern (die Bierbrauer) ans Ausland gegangen ist.
Der teure Nachhilfekurs für Gewerkschafter in Sachen Grundrechnen findet pikanterweise parallel auch in Deutschland statt - dort sogar in Kontroverse mit einer rot-grünen Regierung. Das deutsche wie das österreichische Sozialsystem sind schwer krank, weil maßlos überlastet. Wer glaubt, es durch Woodoo-Rechnungen heilen zu können, wird eines zu verantworten haben: dass die Krankheit des Systems bald unheilbar wird.

Andreas.Unterberger@diepresse.com

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