Neu erschienen: Bildband über die "Sintflut" 2002

Wien (OTS) - Zur Marillenblüte in die Wachau: Was sich dieser Tage wieder problemlos als hübsche Landpartie abbuchen lässt, war vergangenes Jahr so nicht möglich. Zu eindringlich zeigten sich noch im Spätsommer die Spuren des Hochwassers, da noch Sandsäcke, dort auf die Straßenfahrbahn gestelltes Gerümpel, dazu noch frische Wasserlinien auf den Häusern. "Sintflut. Bilder eines europäischen Sommers" nennt sich der von Jacqueline Godany herausgegebene Bildband, der an jenes Jahrhundert-Hochwasser erinnern will, welches 450.000 Menschen in Mitteleuropa zur Flucht aus ihren Häusern veranlasste. Die Flut kommt in den unzähligen Schwarz/weiß-Photographien verschiedenartig vor: Als ausgreifende Wasserfläche vom Hügel her aufgenommen, ebenso wie als brausendes, zerstörerisches Element, welches Straßen, Häuser, Bahngeleise Dämme unterspült, mitreisst, herausbricht. Die Bilder machen in ganz Mitteleuropa halt: Im Kamptal, in Ungarn, in Dresden, in Prag. Und sie erinnern deutlich, dass steigendes Wasser keine Grenzen, sondern nur Wasserläufe akzeptiert - mitunter Wasserläufe, die längst vergessen waren und nun wiederkehrten. Godanys "Sintflut" gibt sich nicht theatralisch, auch wenn ein Spannungsbogen aufgebaut wird: Am Anfang steht ein wolkenverhangener Himmel, dem das Zitat aus Shakespeares "Macbeth": "It will be rain tonight. Let it come down." beigestellt ist. Dann folgt der "Regen", dann die "Flut", gefolgt von der "Flucht", dem "Helfen", der "Verwüstung", dem "Aufräumen". Das letzte Kapitel nennt sich "Wien", welches von der Sintflut durch den Hochwasserschutz verschont wurde. Die von der in Wien lebenden Photoreporterin Godany abgelichteten aufgeschichteten Sandsäcke bei der U-Bahn-Station Donauinsel nehmen sich daher Gott sei Dank recht eigentümlich aus, angesichts der voran gegangenen Aufnahmen zerstörter Häuser, weinender Menschen, vor Ermüdung zusammengebrochener Helfer. Michael Frank, Österreich-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", schreibt in seinem kleinen, den Bildern vorangestellten Essay: "Verzweiflung kann sich nicht mit Begründungen retten. Buchstäblich den Boden unter den Füßen verloren zu haben, ist eine so elementare Erfahrung, dass noch so schlüssige Erklärungen, woher das alles kommen mag, den trostlosen, nassen Augenblick und den beängstigenden Blick nach vorne nicht mildern kann. Die Arbeit und den Stolz eines halben Lebens von einem Raupenschlepper zusammenschieben und als Sonderabfall entsorgen lassen zu müssen, ist eine Kränkung von so tiefer Art, das man sich vor der Suche nach der konkreten, der unmittelbaren Schuld hüten sollte: Sie kann nicht mildern, kann nicht trösten." So gesehen mildert auch der vorliegende Bildband nicht besagte Kränkung, macht nichts wieder gut, ersetzt keinen Verlust. Und dennoch: Viele der hier versammelten Bilder, die Mehrzahl stammt von Fotografen der Bild- und Nachrichtenagentur Reuters, erinnern auch an Momente uneigennütziger Hilfe und gegenseitigen Einstehens. Nochmals Michael Frank: "Das ist Selbsterfahrung mit Blüten unverhoffter Heiterkeit. (...) Der sicherheitsgepolte Zeitgenosse schöpft ungeahnte Lust beim Improvisieren und darin, Unplanbares spontan und ungeplant zu tun. Gemeinsam retten, was zu retten ist, macht eigentümlich froh." Die Erinnerung daran hoffentlich wohl ebenso.

Jacqueline Godany (Hg.), "Sintflut. Bilder eines europäischen Sommers", Czernin Verlag (http://www.czernin-verlag.com/), 112 Seiten, Wien 2003, EUR 20. (Schluss) hch

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