"Die Presse-Glosse" vom 26.4.03

Pik Acht wurde ausgespielt/Von Anneliese Rohrer

Wien (OTS) - Vor wenigen Monaten erst war er von Papst Johannes
Paul II. empfangen worden. Nun werden laufend Bilder um die Welt geschickt, die ihn mit vielen Prominenten der internationalen Politik zeigen - von UN-Generalsekretär Kofi Annan abwärts: Iraks Vize-Premier Tarik Aziz. Er wollte als "Märtyrer" im Irak sterben, wie er vor Journalisten am Tag, als der Krieg begann, verkündete. Nun hat er sich offenbar nach tagelangen Verhandlungen dem "großen Staat mit dem kleinen Hirn" (Aziz über die USA) ergeben.
Und weil Aziz seit Jahrzehnten als Meister-Verhandler des Iraks bekannt war, tauchten nun sofort Vermutungen auf, er sei als "Pik Acht" des US-Kartenspiels von Saddam Husseins Clan gezielt ausgespielt worden: Entweder um Bedingungen für eine Aufgabe seines "Führers" zu verhandeln oder die USA noch einmal in die Irre zu führen - mit der Nachricht über den Tod Saddam Husseins oder mit falschen Angaben über dessen Versteck.
Viel wahrscheinlicher ist, dass diese Vermutungen - so wie alle zuvor über Kampfkraft und Verteidigungswillen des Irak - einer gewissen westlichen Fassungslosigkeit entspringen: Vertreter eines Regimes, das von den USA und Großbritannien derart dämonisiert wurde, können sich doch nicht einfach so ergeben! Den Westen wird daher die Frage, wer denn in diesem Konflikt mit falschen Karten gespielt hat - die Alliierten oder der Irak - noch lange beschäftigen.

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