"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das alte, müde Europa und das Fest des Lebens" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 18.04.2003

Graz (OTS) - Mit dem heutigen Karfreitag nähert sich das
Osterfest seinem Höhepunkt. Es hat am Palmsonntag mit der Vergegenwärtigung des grotesk-tragischen "Einzugs" Jesu in Jerusalem begonnen und spannt einen großen dramaturgischen Bogen über Tod und Auferstehung bis zum Ostermontag. Beim Gehen, am Weg (ihres eigenen Lebens) haben die Jünger in dem ihnen zunächst unbekannten Begleiter ihren Herrn wiedererkannt.

Im Gegensatz zu Weihnachten, das sich scheinbar mühelos in die gängige Zivilreligion einfügt, bleibt Ostern ein sprödes Fest, das sich dem Verständnis nicht leicht erschließt.

Auch das häufig sinnentleerte, zur bloßen Folklore gewordene Brauchtum, das einst vom "Auferstehen" der Natur im Frühling inspiriert gewesen ist, hilft uns heute nicht weiter. Von vielen Zeitgenossen wird die Natur nicht mehr als bergender und zugleich bedrohender Horizont erlebt, sondern als ein ins Unendliche vergrößerter Sport- und Ertüchtigungsplatz.

Ostern widersteht dem modernen westlichen Bewusstsein auch deshalb, weil es dessen religiösen Relativismus nicht gelten lässt. Es erhebt einen exklusiven universalen Anspruch. In dem zu Tode gefolterten armseligen jüdischen Wanderprediger sehen die Christen den Auferstandenen, eine einzigartige Gestalt, die mit keinem anderen Propheten oder Wohltäter der Menschheit austauschbar wäre. Er ist das "Ebenbild des Vaters", ein "Abglanz seiner Herrlichkeit", wie es die Bibel ausdrückt.

Was mit dem Fest Ostern gemeint ist, hat die bedeutende österreichische Ärztin Hildegunde Piza in einfacher, aber sehr beeindruckender Weise gesagt: "Für mich ist Ostern eine Überraschung. Man denkt sich: jetzt ist es aus. Dabei geht es weiter. Ostern ist größer als unsere Kleinmütigkeit."

Da wird plötzlich aus der Zumutung des Evangeliums und seiner unendlichen theologischen und liturgischen Ausfaltung in der Geschichte der Kirche eine sehr einfache Sache. Es wird auch klar, was es bedeuten kann, wenn man Ostern als "Fest des Lebens" bezeichnet.

Europa ist alt geworden, nicht nur in dem buchstäblichen Sinn der demographischen Alterung. Es ist auch ein müder, zur Entscheidung, zum Aufbruch unfähiger Kontinent geworden, der diese Schwächen gern als höhere Moral ausgibt. Dem hektischen Erlebnishunger zum Trotz ist unseren Gesellschaften weithin die Lebenszuversicht ausgegangen.

Wer Ostern feiert, versucht, sich an seinem kleinen Ort, in seinem kleinen Leben dieser hinunterziehenden Schwerkraft zu widersetzen. ****

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