VON DER DONAUMONARCHIE ZUM VEREINTEN EUROPA Khol und Hösele präsentieren Publikation der Parlamentskorrespondenz

Wien (PK) - Wenn in Athen die Beitrittsverträge mit den zehn
neuen EU-Mitgliedstaaten unterzeichnet werden, dann erfülle sich das prophetische Wort von Josef Klaus, der 1964 vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Strassburg als "cives europeus" von den zwei Flügeln des europäischen Hauses gesprochen hatte, betonte Nationalratspräsident Andreas Khol
heute in einer Pressekonferenz. Dieser zweite Flügel werde nun ausgebaut - und seine Wurzeln reichen in die Donaumonarchie
zurück. Khol wies bei einem Rundgang durch den Reichsratsitzungssaal auf die zahlreichen Politiker aus den Nachfolgestaaten der Monarchie hin, die vor 1918 auch Abgeordnete
in Wien waren, von prominenten zukünftigen Entscheidungsträgern wie Alcide de Gasperi und Thomas Masaryk bis hin zu Cesare
Battisti, der trotz seiner parlamentarischen Immunität als "Verräter" hingerichtet wurde.

Bundesratspräsident Herwig Hösele bezeichnete den Reichsrat der Donaumonarchie als kleines europäisches Parlament und meinte, die nach 1918 errichteten Demokratien seien wesentlich getragen
worden von Staatsmännern, die im Reichsrat gewirkt hatten.

Gerade mit diesem Aspekt befasst sich eine Publikation der Parlamentskorrespondenz, die von Khol und Hösele vorgestellt
wurde und die heute Abend im Rahmen einer Veranstaltung im
Parlament als "Einstandsgeschenk" den Vertretern der zehn neuen EU-Staaten überreicht werden wird.

20 ABGEORDNETE, DIE GESCHICHTE SCHRIEBEN

20 Reichsratsabgeordnete, die mittel- und südosteuropäische Geschichte schrieben, sind in dem Werk "Von der Donaumonarchie
zum vereinten Europa" versammelt. Das Buch wurde von der Parlamentsdirektion herausgegeben und ist jetzt im Wieser-Verlag erschienen. In 20 Porträts werden Leben und Schicksal von sechs Slowenen, drei Italienern, sieben Tschechen, drei Polen und einem Ukrainer nachgezeichnet.

Die letzten Jahre der Donaumonarchie waren spannende und spannungsreiche Zeiten, und das kommt in den Porträts der Reichsratsabgeordneten deutlich zum Ausdruck. Da war etwa Anton Korosec, der als katholischer Geistlicher in die Politik ging,
sich in der Monarchie für die Rechte aller Slawen engagierte,
nach dem Scheitern dieser Bemühungen und der Monarchie
schließlich zum Präsidenten des "Staats der Slowenen, Kroaten und Serben" gewählt wurde, aber, nachdem er 1928 als erster
Nichtserbe jogoslawischer Premierminister geworden war, an den Konflikten zwischen Slowenen und Kroaten auf der einen und den Serben auf der anderen Seite scheiterte. Da war auch Janez Evangelist Krek, auch er katholischer Priester, der mit 51 Jahren starb, ohne die Einigung der Südslawen zu erleben. Unter den Tschechen stechen Karel Kramar und Thomas Masaryk hervor, der
eine erster Premierminister der CSR, der politisch später weit
nach rechts wandern sollte, der andere erster Präsident den
jungen Staates und von exemplarischer Bedeutung bis heute. Da
sind weiter Josef Seliger, der zwischen die Fronten des zerbrechenden Reichs geriet, und Bohumir Smeral, der zum überzeugten Kommunisten wurde und in der politischen Heimatlosigkeit endete. Unter den Polen sticht Ignacy Daszynski hervor, der zum ersten Premier Polens wurde, und der Bauernführer Wincenty Witos, der es bis zum Präsidenten brachte.

Alcide de Gasperi, der seine politische Laufbahn ebenfalls im österreichischen Reichsrat begann, wurde zu einem der Gründerväter des modernen vereinten Europa. Sein Landsmann Cesare Battisti hingegen wurde von Österreichs Militärjustiz, obwohl immuner Abgeordneter zum Reichsrat, justifiziert.

Besondere Beachtung verdient das Schicksal von Dimitri Markow. Er war Ukrainer (und damit eigentlich außerhalb des Horizonts des jetzt gesetzten Schritts der EU-Osterweiterung). Markow war bald nach Beginn des Krieges zum Tod verurteilt worden. In der historischen Literatur wird stets und übereinstimmend berichtet,
er sei auch hingerichtet worden und somit - neben Battisti - der zweite Abgeordnete zum Reichsrat, der trotz seiner
parlamentarischen Immunität gehenkt wurde. Dies war auch das
Motiv, Markow in die Reihe der Porträtierten aufzunehmen.

Hier nun erbrachten die Recherchen Andreas Pittlers im Zug der Erarbeitung dieser Publikation eine kleine Sensation: Markow
wurde nicht gehenkt, sondern noch von Kaiser Franz Joseph zu lebenslänglicher Haft begnadigt und von Kaiser Karl bald nach dessen Amtsantritt in Freiheit gesetzt. Es gelang, die Spur
Markows weiter zu verfolgen, und so kann mit Sicherheit gesagt werden, dass Markow 1918 in Prag war, sich 1923 wieder in Wien aufhielt und sich schließlich in Sabinov in der Ostslowakei niederließ, wo sich schließlich 1942 seine Spur verliert.

In den von Maria-Luise Janota (Alcide de Gasperi) und Andreas Pittler (alle übrigen) verfassten Porträts spiegelt sich die Dramatik der Jahre, in denen die Habsburger-Monarchie auseinander fiel und mit ihr die alte europäische Ordnung versank. Im Blick
auf den jetzt anstehenden großen Schritt der europäischen
Einigung läßt sich, Willy Brandt paraphrasierend, sagen: Es wächst zusammen, was schon einmal zusammen war.

Das Buch "Von der Donaumonarchie zum vereinten Europa" ist im
Verlag Wieser in Klagenfurt erschienen, hat 291 Seiten und ist
zum Preis von € 19,80 im Buchhandel erhältlich. (Schluss)

Rückfragen & Kontakt:

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: pk@parlament.gv.at, Internet: http://www.parlament.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NPA0001