"Presse"-Kommentar: Schach in Nahost (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 16. April 2003

Wien (OTS) - Die scharfzüngigen Herolde der Bush-Regierung machten schon seit längerem kein Hehl daraus. "Als nächstes kümmern wir uns um Syrien", verkündeten Pentagon-Berater Richard Perle und Ex-CIA-Chef James Woolsey schon Wochen, bevor der Irak-Krieg überhaupt begonnen hatte.
Was sich derzeit im Nahen Osten abzeichnet, folgt einer Blaupause, an der neokonservative Intellektuelle wie Perle und dessen Freund, US-Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, bereits seit Jahren feilen. In Washington sind keine Cowboys am Werk, sondern Visionäre, die ehrgeizige Ziele mit missionarischem Eifer verfolgen. Irak soll erst der Anfang sein, der Brückenkopf für die Neuordnung der gesamten Region.
Dort, wo das Joch korrupter Despoten abgestreift ist; dort, wo Demokratie und Wohlstand blühen, kann kein terroristischer Islamismus gedeihen. So oder so ähnlich sieht die Gleichung aus, die Bush und seine Berater eineinhalb Jahre nach dem 11. September nun aufstellen. Sie ist riskant mit vielen Unbekannten. Niemand weiß, was unterm Strich herauskommt. Doch ein Wolfowitz hätte auf derlei Einwände eine Antwort parat: Die Kosten des Nicht-Handelns könnten noch größer sein als die Kosten des Handelns. Wieder ein Argument, das man in der Welt des Präventivschlags nicht überprüfen kann.
Was könnten nun die nächsten Züge in der großen nahöstlichen Schachpartie sein, an deren Ende eine "Pax Americana" stehen soll, die auch ganz im Sinne Israels ist? Erstens werden die Amerikaner den Druck auf Syrien aufrecht erhalten, und zwar nicht nur, um zu verhindern, dass Mitglieder des Saddam-Clans dort Zuflucht finden. In Damaskus sehen die US-Reißbrettplaner den Hebel für weiter gehende Umwälzungen. Das syrische Regime soll gezwungen werden, sich aus dem Libanon zurückzuziehen und seine Unterstützung für die Hisbollah-Milizen im Südlibanon aufzugeben. Dadurch würde nicht nur ein lästiger Feind an Israels Grenze geschwächt, sondern möglicherweise auch die Hauptsponsoren der Hisbollah im Iran.
Damit wären die USA bei ihrem zweiten großen strategischen Ziel:
Dem Sturz der Mullahs in Teheran. Der Iran ist nach den Feldzügen im Irak und in Afghanistan von Staaten eingekreist, auf deren Führung die USA direkt Einfluss haben. Washington hat nun bessere wirtschaftliche Möglichkeiten denn je, eine Implosion des iranischen Regimes zu fördern. Politisch werden die Amerikaner dem Gottesstaat Stress bereiten, indem sie energisch den Stopp des dortigen Atomprogramms fordern. Einen Krieg wollen die Amerikaner wie im Fall Syrien vermutlich vorerst vermeiden; die ungeliebten Regierungen sollen vielmehr wie reife Früchte fallen. Ausschließen kann freilich niemand, dass all das Säbelrasseln nicht eine Eigendynamik bekommt, die direkt in einen neuen Waffengang führt.
Auch werden die Amerikaner das janusköpfige, zwischen Feudal-Kapitalismus und Radikal-Islamismus schwankende Saudiarabien, das sich zuletzt auffällig ruhig verhalten hat, nun stärker in den Schwitzkasten nehmen. Denn die Abhängigkeit vom saudischen Erdöl wird durch den Fall Bagdads sinken.
Beim Blick auf Saudiarabien freilich wird ein innerer Widerspruch der Rollback-Strategie in Nahost noch deutlicher als anderswo: Wer sagt eigentlich, dass die Freunde Amerikas die Mehrheit haben, wenn die Araber dereinst in demokratischen Verhältnissen leben sollten?

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