"Presse"-Kommentar: Scharons Schalmeientöne (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 14. April 2003

Wien (OTS) - So paradox es auch klingen mag: Die Nachkriegsordnung wird nicht so sehr in Bagdad, Basra oder Kirkuk entschieden, sondern vielmehr in Jerusalem, Ramallah und Gaza. Während sich der Pulverdampf im Irak verzieht, rückt der Nahost-Konflikt wieder in den Blickpunkt. Denn seit Kriegsbeginn war es merkwürdig still geworden um die Streithähne Scharon und Arafat, und wenn Israels vierschrötiger Premier nun just zum Pessach-Fest - und just im linksliberalen Blatt "Haaretz" - Schalmeientöne aussendet, verbindet er untrügliches Gespür für Timing mit Signalwirkung.
Dass er für einen Friedenspakt "schmerzhafte Konzessionen" in Kauf zu nehmen bereit ist - als da wären: der Verzicht auf jüdische Siedlungen - ist indes kein Novum, sondern nur die Fügung des schlauen Realpolitikers ins Unvermeidliche. Je näher das Ende des Kriegs im Irak rückt und je eher der designierte palästinensische Premier Mahmud Abbas den Machtkampf mit der wackeligen Galionsfigur Arafat entscheidet, desto eher wird Washington Druck auf Israel ausüben. Wollen George W. Bush und Tony Blair nicht jeden Kredit in der arabischen Welt verspielen, müssen sie bald ihre vollmundigen, aber vagen Ankündigen eines Nahost-Fahrplans umsetzen - auch gegen den dezidierten Widerstand einflussreicher Lobbies. Eine Bewährungsprobe.
In Washington meißeln die Architekten an einem unumstößlichen Friedensplan. Bevor er in Stein gehauen ist, will Scharon ein gewichtiges Wörtchen mitreden.

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