"Kleine Zeitung" Kommentar: "Aus Trümmern allein wird noch keine neue Ordnung wachsen" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 11.04.2003

Graz (OTS) - Emsig sind amerikanische Soldaten in Bagdad dabei,
die riesigen Standbilder von Saddam Hussein von den Sockeln zu reißen, überdimensionale Mosaike des Diktators zu zertrümmern und seine Bilder zu zerfetzen. Mit der Zerstörung der Symbole des Gewaltherrschers symbolisieren die Sieger die neue Ordnung.

Daran aber keineswegs nur daran merkt man, dass sich die
Menschen in den letzten zehntausend Jahren zwar technisch weiterentwickelt haben. Aber viele ihrer Verhaltensmuster sind unverändert archaisch. Mag der moderne Kriegsherr zwar mit einem Knopfdruck mehr Menschenleben mit einem Schlag auslöschen können als ein antiker Heeresführer in einem ganzen langen Krieg: Wichtig war und ist es, den Triumph über den Gegner auch symbolisch darzustellen.

Man sollte meinen, es sei völlig bedeutungslos, ob Saddams in Stein gehauener oder in Bronze gegossener Größenwahn noch ein paar Tage, Wochen oder Jahre auf seinen Sockeln steht. Alle im Land von den Irakern selbst bis zu den US-Truppen sollten jetzt wahrlich andere Sorgen haben als Statuen zu stürzen. Und doch ist es allen so wichtig, diese Symbole der alten, verhassten Macht zu zerstören
als ob dies der eigentliche Akt der Befreiung wäre.

Aber aus zerstörten Palästen und zertrümmerten Statuen entsteht kein neues Leben, keine neue Ordnung. Diese müssen die Amerikaner und Briten jetzt erst schaffen. Sie müssen in den "befreiten" Gebieten des Irak für Sicherheit sorgen, sie müssen einer verelendeten Bevölkerung helfen. Sie müssen Wasser und Lebensmittel bereitstellen für Millionen Menschen und auch die seit Jahren zerfallende (und in den letzten drei Wochen auch noch zerschossene) Infrastruktur des Landes aufbauen und all das soll rasch geschehen.

Und als ob dies nicht schon schwierig genug wäre, müssen Befreier und Befreite auch noch mit der Hinterlassenschaft der 35 Jahre dauernden Diktatur der Baath-Partei und 24 Jahren Saddam-Diktatur fertig werden, die mit der Entbaathifizierung der irakischen Gesellschaft längst nicht abgetan ist.

Denn in einem Land, das stets brutal und autoritär regiert wurde, wachsen demokratische Strukturen noch dazu von religiösen, ethnischen und sozialen Spannungen bedroht nur sehr langsam.

Amerikaner und Briten nannten als ein Hauptkriegsziel, das irakische Volk von Saddam befreien zu wollen. Es wäre naiv zu glauben, dass dies im Augenblick der fallenden Statuen geschehen ist. ****

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