DER STANDARD-Kommentar: "Ein Sieg, aber kein Patentrezept" (von Eric Frey) - Erscheinungstag 11.4.2003

Der Militärerfolg im Irak ist für die USA leichter als seine politische Umsetzung

Wien (OTS) - Donald Rumsfeld hat militärisch Recht behalten. Entgegen vielen Unkenrufen ist es einer relativ kleinen US-Streitmacht gelungen, mit minimalen Verlusten auf der eigenen Seite ein ganzes Regime auszuschalten.

Auch das politische Gambit des US-Verteidigungsministers und seiner erzkonservativen Berater scheint in einigen Punkten aufzugehen: Die US- Truppen wurden zuletzt von genügend Irakern als Befreier gefeiert, sodass der Krieg im Nachhinein eine gewisse politische (wenn auch nicht völkerrechtliche) Legitimität erhält - selbst dann, wenn kein einziges chemisches oder biologisches Waffenlager gefunden wird und der offizielle Kriegsgrund in sich zusammenfällt.

Selbst die Warnungen vor einer internationalen Isolierung der USA erweisen sich als verfehlt, denn auch die Kritiker des Krieges drängen darauf, im Nachkriegsirak mitzumischen. Die Rolle von UNO und EU im Irak hängt hauptsächlich vom Willen der Bush-Regierung ab.

Doch all das sind nur Teilerfolge. Das Ziel der US-Militäraktion war nicht die Befreiung der Iraker von einem grauslichen Regime (genauso wenig die Besetzung einiger Ölfelder): In der ehrgeizigen "Grand Strategy" der Bush-Regierung ging es darum, die arabisch-muslimische Welt, die seit dem 11. September 2001 als größte Gefahrenquelle für die Sicherheit der USA gilt, mit einer Demonstration der Stärke völlig neu zu ordnen.

Auch hier gibt es erste Anzeichen, dass diese Rechnung aufgehen könnte. Der rasche Sturz des Saddam-Regimes ist ein Schlag für die radikalen Kräfte in der arabischen Welt. Gemäßigte zollen dem Militärerfolg der USA zwar keine Zustimmung, aber zumindest Respekt. Eine Triebkraft von Al- Kaida war stets der Glaube an die Dekadenz Amerikas. Rumsfeld und seine Generäle haben dies anschaulich widerlegt. Eine Explosion des Zornes in der arabischen Welt ist derzeit weniger wahrscheinlich als das optimistische US-Szenario, in dem die Region durch die Vernichtung ihres grausamsten und gefährlichsten Regimes an Stabilität gewinnen soll.

Einer weiterer Baustein in der Strategie der USA ist es, aus dem besetzten Irak einen langfristig verlässlichen Verbündeten zu machen. Dafür aber benötigen sie Fähigkeiten im "Nation-Building", die sie seit den Jahren nach 1945 nicht mehr bewiesen haben.

Die andere kritische Variable ist der israelisch-palästinensische Konflikt, dessen Beilegung den Spielraum und das Ansehen Washingtons in der islamischen Welt deutlich vergrößern würde. Dass George W. Bush wie einst sein Vater Israel nach einem Sieg über Saddam zu Konzessionen drängen wird, scheint unwahrscheinlich. Doch einen Hoffnungsschimmer bietet der schleichende Machtverlust Yassir Arafats. Gemeinsam mit dem Ende Saddams, der viele palästinensische Selbstmordattentäter inspirierte und bezahlte, könnten dadurch festgefahrene Fronten in Bewegung kommen.

Die Demonstration von Stärke und Entschlossenheit im Irak galt Amerikas Gegnern in aller Welt. So eindrucksvoll die militärische und technologische Überlegenheit der USA auch ist: Dieser Feldzug ist kein Patentrezept, das beliebig wiederholt werden kann. Saddams Regime, durch Sanktionen und jahrzehntelange Repression innerlich ausgehöhlt, war ein leichter Gegner. Weder im Iran noch in Nordkorea könnten US-Truppen im Konfliktfall auf so geringen Widerstand hoffen.

Und auch in Washington wissen viele, dass politische Ziele nicht mit militärischer Übermacht allein durchsetzbar sind. Das hat vor allem Israel in den letzten 35 Jahren erfahren. Eine echte "Grand Strategy" entsteht erst in Verbindung mit Diplomatie und "soft power" - der Fähigkeit, andere zu überzeugen und für sich zu gewinnen. Darin hat die Bush-Regierung im Vorfeld des Krieges jedoch erhebliche Schwächen gezeigt. Die "Rumsfeld-Doktrin" wird paradoxerweise nur dann aufgehen, wenn Bush in Zukunft weniger auf das Pentagon und mehr auf Berater wie Außenminister Colin Powell hört.

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