"Kleine Zeitung" Kommentar: "Sind Kinder weniger wert als der Dienst mit der Waffe?" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 10.04.2003

Graz (OTS) - Die Ohrfeige ist schallend. Nach dem familienpolitischen Meilenstein des Kindergeldes, das eine Neubewertung der Kinderbetreuung mit sich brachte, kommt nun für Österreichs Mütter eine Ohrfeige, die schallender nicht sein könnte. Welche Wertschätzung steckt hinter dieser Pensionsreform? Welche Geringschätzung jener Arbeit, die Mütter leisten. Allein mit der Verlängerung der Durchrechnungszeit von 15 auf 40 Jahre müssen Frauen mit Verlusten von bis zu fünfzig Prozent ihrer Pension rechnen.

Nicht alle, nur jene mit Berufsunterbrechungen. Frauen, die als Mütter die Zukunft jedes Pensionssystems erst ermöglichen. Frauen, die einzig mit Teilzeitjobs den Balanceakt zwischen Job und Familie schaffen. 33 von hundert Frauen arbeiten Teilzeit, bei den Männern vier. Warum der Reformknüppel mit voller Wucht auf diese Gruppe einschlägt?

Versicherungsmathematiker werden auf die Beitragsgerechtigkeit verweisen. Mütter sind im Gegensatz zu Männern und kinderlosen Frauen weniger lang erwerbstätig, zahlen weniger ein und leben wie alle Frauen um sieben Jahre länger als Männer. Hinzu kommt das frühere Pensionsantrittsalter. Die einfache Formel: Geringe Beiträge plus längerer Pensionsbezug ist Pensionskürzung. Die Gegenformel wäre auch einfach: Frauen sagen Nein zu Kindern. Und kippen so das Pensionssystem.

Alles nicht so schlimm, wie die Regierung betont? Es werden künftig 24 Monate nach der Geburt als pensionsbegründende Beitragszeiten gelten. Sechs Monate mehr als bisher. Ein Fortschritt, durchaus. Aber welcher Rückschritt, wenn die Bewertung monatlich beim Ausgleichszulagenrichtsatz von 643 Euro liegt. Eine Bewertung, die bei der Pension schlagend wird. Drei Viertel der 230.000 Mindestrentner sind heute bereits Frauen.

Welchen Wert hat Familienarbeit? Einen beschämend geringen. Weit geringer als der Dienst mit der Waffe. Im Gegensatz zu Müttern wird Präsenzdienern ein Durchschnittseinkommen als Bemessungsgrundlage gewährt.

Ein wenig will die Regierung nun doch noch ändern. Sie müsste viel verändern. Es muss die Betreuung eines Kindes zumindest gleich viel wert sein wie Präsenzdienst. Ebenso wie Teilzeitarbeit von Müttern abgefedert werden muss. Als Ausgleich für den gesellschaftspolitischen Wert, den sie schaffen.

Welche Formel auch gefunden wird höhere Bewertung oder kürzere Durchrechnungszeiten , sie wird eines zeigen: den Wert von Kinderbetreuung. Nach der derzeitigen Formel tendiert er gegen Null. ****

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