ÖGB-Frauen: Bedingungen für durchgängige Erwerbstätigkeit der Frauen fehlen (3)

Frauen werden auch am Arbeitsmarkt als Mütter und Dazuverdienerin gesehen; Quoten gefordert

Wien (ÖGB). "Die Erwerbstätigkeit der Frauen kommt hierzulande fast ausschließlich im Zusammenhang mit Zuverdienst und 'Wahlfreiheit' auf die Tagesordnung. Die politische Steuerung hat nicht die Förderung der durchgängigen Erwerbstätigkeit der Frauen zum Ziel", stellte die Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger im Rahmen der Podiumsdiskussion am ÖGB-Frauenkongress fest. Die Mikrobiologin Renee Schroeder fügte hinzu, das Konzept der "Rabenmutter" sei typisch für den deutschsprachigen Raum, in Frankreich und den USA sei die durchgängige Erwerbstätigkeit auch der Mütter selbstverständlich. Für Frauen in Ungarn haben sich die Rahmenbedingungen für die Erwerbstätigkeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie seit der Wende verschlechtert, berichtete die ungarische Gewerkschafterin Marianne Rozsa-Lupkovics.++++

Die Frauen seien derzeit mit zwei einander entgegengesetzten politischen Leitlinien konfrontiert, analysierte Rosenberger. Einerseits werde von der Regierung bewusst die traditionelle Rollenaufteilung und damit der Berufsausstieg der Frauen bei Geburt eines Kindes gefördert. Andererseits werde die durchgängige Erwerbstätigkeit von der Regierung immer stärker zur Voraussetzung für existenzsichernde Sozialleistungen gemacht, sagte Rosenberger mit Verweis auf die "Pensionssicherungsreform". Denn die Ausweitung des Durchrechnungszeitraums von den besten 15 auf 40 Jahre führt zu einer massiven Kürzung der Pensionen bei jenen, die ihre Berufstätigkeit unterbrechen oder länger Teilzeit beschäftigt sind. Frauen müsste durch eine aktive Gleichstellungspolitik die durchgängige Erwerbstätigkeit ermöglicht werden, forderte Rosenberger.

"Frauen müssen wesentlich mehr können als Männer um in eine entsprechende Position zu gelangen", berichtete Renee Schroeder aus ihrer Erfahrung im wissenschaftlichen Bereich. Als Maßnahme für eine echte Gleichstellung forderte Schroeder die Einführung von geschlechtsneutralen Quoten: Bei gleicher Qualifikation sollte in jedem Bereich jenes Geschlecht bevorzugt werden, das unterrepräsentiert sei. Rosenberger assistierte: Quoten sind ein demokratisches Instrument und in vielen Bereichen gang und gäbe. Auch die Zusammensetzung des Parlaments fuße beispielsweise auf Quoten, den Wahlkreisen.

Während es vor der Wende in Ungarn flächendeckend staatliche Kindergärten für die unter Zweijährigen gegeben habe, seien diese in den letzten Jahren fast alle geschlossen worden. Dasselbe sei mit den Betriebskindergärten geschehen, berichtete Marianne Rozsa-Lupkovics. Durch die Deregulierung habe sich die Arbeits- und Einkommenssituation der Frauen in den letzten Jahren verschlechtert. Verbesserungen für die Arbeitnehmerinnen zu erreichen sei für die Gewerkschaften dadurch erschwert, dass es in Ungarn keine Branchen-Kollektivverträge gebe, sondern die Gewerkschaft mit jedem Arbeitgeber einzeln verhandeln müsse, sagte Rozsa-Lupkovics. (aw/mfr)

ÖGB, 9. April 2003
Nr. 246

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