"Presse"-Kommentar: Schulpropaganda (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 8. April 2003

Wien (OTS) - Heute protestieren die Lehrer gegen die von der Bildungsministerin angeordneten Stundenkürzungen. Mit ihnen protestieren viele Eltern, weil sie befürchten, dass diese Einschränkung des schulischen Bildungsangebotes die Zukunftschancen ihrer Kinder beeinträchtigen könnte. Aus dem Ministerium kommt der Hinweis, dass es sich um eine notwendige Entlastung der Kinder handle, dass nach dem Prinzip "Weniger ist mehr" agiert werden solle und dass der gewonnene Freiraum für Erholung zur Hebung des allgemeinen Leistungsniveaus führen werde.
Klingt irgendwie schwer nach Bildungsdebatte. Weit gefehlt: Was derzeit in Sachen Bildung geboten wird, kann als Beleg dafür gelten, dass es keines Krieges bedarf, um Propagandaschlachten zu inszenieren: Das Ministerium wirft den Lehrern vor, dass sie ohnehin immer gegen alles sind und mitnichten das Wohl der Kinder, sondern ihre eigenen Posten im Auge haben. Die protestierenden Eltern gelten damit folgerichtig als nützliche Idioten. Was ohnehin eine Freundlichkeit darstellt angesichts des ebenfalls schon gehörten Verdachts, dass es auch ihnen nicht um den bildungsmäßigen Fortschritt ihrer Sprösslinge gehe sondern um die Sorge, dass die Verkürzung der Aufbewahrungszeit in der Schule das eigene Freizeitvolumen schmälere.
Ehe man sich in den - am Ende ja doch unvermeidlichen -bildungspolitischen Nahkampf begibt, an dessen Ende gefallene Fächer und beschäftigungslose (Jung-)Lehrer stehen (oder liegen) werden, sollte man sich und der Bildungsministerin die Überprüfung jener Behauptungen nicht ersparen, mit denen sie ihre Maßnahme begründet:
Im Herbst 2002, als wieder einmal eine OECD-Studie ergab, dass die österreichischen Schüler mit Abstand am meisten Zeit in der Schule verbringen - das sagen die OECD-Studien seit zumindest zehn Jahren -, hatte sich Elisabeth Gehrer ja noch klar gegen Stundenreduktionen ausgesprochen. Ihren Sinneswandel begründet sie damit, dass man nun auch eine Studie erhalten habe, aus der hervorgehe, dass ein 13-Jähriger, Unterricht und Lernen zu Hause zusammengerechnet, im Schnitt 45 Stunden pro Woche arbeite.
Eine reine Schutzbehauptung, wie ein Blick in die Archive zeigt:
Die vom Ministerium apostrophierte Studie wurde von der Psychologin Christiane Spiel mitverfasst, die schon 1996, im Gefolge des damaligen OECD-Berichts, eine derartige Studie veröffentlicht hate. Das damalige Ergebnis unterscheidet sich vom heutigen dadurch, dass die Belastung - unwesentlich - abgenommen hat. Warum sollte also jetzt plötzlich akuter Handlungsbedarf entstanden sein?
Es ist völlig klar, dass es für die Bildungsministerin keinen anderen Anlass zur jetzt verfügten Stundenkürzung gab, als die erwarteten 117 Millionen Euro Einsparungspotenzial. Das ist prinzipiell kein unmoralisches Ansinnen und auch Gehrers Einschätzung, dass der Protest der Lehrergewerkschaften nicht nur uneigennützige Motive hat, wird man einen gewissen Wahrheitsgehalt nicht absprechen können.
Man wird die bildungspolitische Debatte, die es eigentlich vor einer solchen Entscheidung gebraucht hätte, also nun im Nachhinein führen. Die Beiträge der zuständigen Ministerin zu dieser Debatte werden angesichts dessen, was sie bisher an Propaganda geliefert hat, allerdings nicht sehr glaubwürdig sein.

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