"Die Presse" Leitartikel "Krieg gewonnen, Frieden verspielt?" (von Burkard Bischof)

Ausgabe vom 8.4.2003

Wien (OTS) - Welche der vielen Prognosen, die Militär-Analytiker vor diesem Krieg abgegeben haben, hat sich bisher eigentlich als zutreffend erwiesen? Dass nach dem Einmarsch von Amerikanern und Briten die Bevölkerung rasch zu den alliierten Truppen überlaufen und das Regime von Saddam Hussein dann kollabieren würde? Nein! Dass Saddam wieder wie 1991 versuchen würde, Raketen mit möglicherweise chemischen Gefechtsköpfen nach Israel abzuschießen, um die arabische Straße zu mobilisieren? Nein, es gab nur ein paar Raketenabschüsse auf Kuwait, die aber nicht mehr als Sachschaden angerichtet haben. Dass die Iraker ab einer bestimmten Verteidigungslinie die Angreifer vor Bagdad mit Giftgas einnebeln würden? Wieder nein, die US-Truppen fühlen sich sogar so sicher, dass sie ihre Schutzanzüge wieder aus-und die normalen Tarnuniformen anziehen. Dass sich Kurden und Türken nach Kriegsbeginn im Nordirak sogleich in die Haare geraten würden? Bis jetzt nicht, die größten Verluste erlitten Peshmerga-Kämpfer offenbar durch das "friendly fire" amerikanischer Bomber. Schließlich, dass die alliierten Truppen - einmal vor Bagdad stehend - die Stadt abschnüren und erst auf massive Verstärkungen warten würden, ehe sie sich ins Zentrum der Fünf-Millionen-Metropole vorwagen würden? Und wieder nein: Seit dem Wochenende unternehmen US-Kampfeinheiten mit Dutzenden Panzern, gepanzerten Kampffahrzeugen und massiver Luftunterstützung Vorstöße mitten in die Stadt, und schießen dabei einfach alles kurz und klein, was sich ihnen in den Weg stellt.
Entsprechend hoch ist die Zahl der Opfer unter den irakischen Verteidigern, aber auch unter Zivilisten, die ins Feuer der US-Kriegsmaschinerie geraten.
Offenbar ist die Militärtechnik der Amerikaner der irakischen Verteidigung dermaßen überlegen, dass sie nicht einmal größere Ausfälle hinnehmen müssen. Die Ziele dieser Vorstöße _ Präsidentenpaläste, Informationsministerium, Raschid-Hotel _ zeigen, worum es den Angreifern geht: Symbole des irakischen Herrschaftssystems sollen gezielt ausgeschaltet und damit dem ganzen Land signalisiert werden: Die Uhr des Saddam-Regimes ist abgelaufen! Ein US-Militärsprecher in Katar bestätigte diese Kriegs-psychologische Komponente.
Deshalb auch am Montag sogleich die Zerstörung einer riesigen Saddam-Statue im Herzen der Stadt; deshalb das Hissen der US-Flagge auf einem der eroberten Präsidentenpaläste.
Es ist offensichtlich, dass die Amerikaner gewaltig aufs Tempo drücken: Je rascher und intensiver der militärische Druck, desto eher der Kollaps des Regimes - sei es durch den immer schwächer werdenden irakischen Widerstand, sei es durch den nach wie vor erhofften Putsch gegen Saddam, sei es durch freiwillige Kapitulation.
Freilich, vieles spricht dafür, dass die militärische Konzeption der Amerikaner zur Erreichung ihrer politischen Ziele mittel- und langfristig nicht aufgehen wird. Denn das Vorgehen der US-Truppen dürfte in den Städten derart gewaltsam und brutal sein, die Zahl der irakischen Opfer derart hoch sein, das Verhalten der Angreifer derart demütigend, dass sie von einem Großteil der Bevölkerung wohl nie als "Befreier" angesehen werden. Am Ende könnte es so für die Alliierten heißen: den Krieg gewonnen, den Frieden aber im Krieg verspielt.

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