ÖSTERREICH GEGEN HITLER Nationalratspräsident Khol stellt neues Buch im Hohen Haus vor

Wien (PK) - Nationalratspräsident Andreas Khol präsentierte heute im Hohen Haus ein neues Werk aus der Feder des Münchener Universitätslehrers Gottfried K. Kindermann, welches den österreichischen Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus thematisiert. An der Veranstaltung nahmen auch
Bundesratspräsident Herwig Hösele, der ehemalige Zweite Nationalratspräsident Robert Lichal, der ehemalige
stellvertretende Landeshauptmann Hubert Pfoch und der Salzburger Weihbischof Andreas Laun teil.

Präsident Khol wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass der Autor heute das Grosse Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich erhalten habe, und so sei es passend, dieses wichtige Werk, das wohl das wichtigste im Oeuvre des Autors sei, heute hier zu präsentieren.

Kindermann habe ein Standardwerk geschrieben, wofür er, Khol, ihm namens der Österreichischen Volkspartei und des Österreichischen Nationalrates Dank aussprechen wolle. Der Autor habe sine ira et studio die Jahre 1933 bis 1938 aus der Zeit heraus dokumentiert,
den Selbstbehauptungswillen Österreichs dargestellt und auch die Fehler dargelegt. Für alle, die an Zeitgeschichte interessiert seien, sei die Lektüre dieses Werkes spannend, man werde es nicht mehr aus der Hand legen, zeigte sich der Präsident überzeugt.

Das Buch zeige, dass Österreich nicht nur erstes Ziel und erstes Opfer des Nationalsozialismus gewesen sei, sondern eben auch sein erster Gegner, der aktiv Widerstand leistete. Dementsprechend lautete das Fazit Khols: "Ein tolles Buch."

Der ehemalige Widerstandskämpfer und spätere VP-Politiker Ludwig Steiner erinnerte an die gestrige Enthüllung einer Gedenktafel im Bereich des Westbahnhofs aus Anlass des 65. Jahrestages des
ersten so genannten "Prominenten-Transportes" in das Konzentrationslager Dachau und meinte, die Österreicher hätten schon vor 1938 eine klare Haltung zum Nationalsozialismus gehabt. Dem aktiven Widerstand Österreichs gegen das
nationalsozialistische Deutschland widme sich eben auch die vorliegende Publikation.

Steiner referierte die Geschichte Österreichs nach 1918 und ließ auch seine eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen über diese Zeit einfließen. Es sei beachtlich, mit welcher Sorgfalt Kindermann
die politischen Standpunkte der damaligen Zeit darlege und die Fakten für sich sprechen lasse. Das Buch belege, dass man einen historischen Abschnitt nicht für sich allein betrachten könne, sondern in den größeren Zusammenhang einbetten müsse.

Kindermann sagte zu seinem Buch, er habe sich zum Ziel gesetzt,
eine dritte Dimension der Rolle Österreichs in jenen Jahren herauszuarbeiten, nämlich jene, Träger des ersten aktiven Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in Europa gewesen zu sein. Österreich sei das erste Ziel von Hitlers Expansionspolitik gewesen, wobei er nicht mit nennenswerten Widerstand gerechnet
habe. Im Mai 1933 glaubte Hitler, bis Jahresende werde er Österreich in seiner Kontrolle haben, doch aus fünf Monaten
wurden fünf Jahre.

Der Autor ging sodann auf den Inhalt seines Buches genauer ein
und dankte dem Nationalratspräsidenten für die Gelegenheit, das Werk in einem der schönsten Parlamente Europas präsentieren zu dürfen.

ÖSTERREICH GEGEN HITLER

Kindermann vertritt in seiner neuen Publikation die Ansicht, Österreich sei unter dem damaligen ständestaatlichen Regime Hitlers erster entschiedener Gegner in Europa gewesen. Die Niederschlagung des Aufstandes österreichischer
Nationalsozialisten im Juli 1934 sei "Hitlers einzige
eingestandene außenpolitische Niederlage" vor Stalingrad gewesen, und erst nach fünfjährigem zähen Ringen sei es dem Deutschen Reich gelungen, den Widerstand der Österreicher zu brechen, die durch "innere Spaltung, politische Unterwanderung und
internationale Isolierung" entscheidend geschwächt gewesen seien. Österreichs Untergang sei auch das Ende der europäischen Friedensordnung gewesen und habe den Zweiten Weltkrieg mit heraufbeschworen.

Kindermann sieht in dem österreichischen Bundeskanzler Dollfuß "den Hauptarchitekten des österreichischen Widerstandes", der Hitler zu einer Zeit die Stirn geboten habe, da "Polen, England
und Italien mit Hitler paktierten, selbst Frankreich vor ihm zurückwich". Mit seinem Buch will Kindermann belegen, "dass die Österreicher keineswegs nur Opfer oder Mitläufer Hitlers, sondern fünf Jahre hindurch auch Träger des ersten europäischen Widerstandes waren". Die österreichischen Patrioten scheiterten nach Kindermanns Ansicht schließlich daran, dass sie von den internationalen "Mächten im Stich gelassen" wurden.

Im ersten Teil seines Buches geht Kindermann auf die Geschichte
der Ersten Republik ein und konterkariert diese mit Hitlers geostrategischen Zielsetzungen, in denen Österreich von Anfang an eine zentrale Rolle spielte. Österreichs Patrioten - die
Kindermann mit der christlichsozialen Bewegung gleichsetzt -
hätten daraufhin eine neue "Österreich-Ideologie" entwickelt, die zur Idee des christlichen Ständestaates geführt habe, welche Dollfuß 1933 entwickelte. Diese sei die Antwort auf die nationalsozialistische Bedrohung gewesen und habe den Gedanken
einer "christlichen Sozialpartnerschaft" dem der
"Volksgemeinschaft" entgegengestellt. Österreich sei jedoch durch einen "Konsensmangel" geschwächt gewesen, da die sozialdemokratische Opposition den Klassen- und Kirchenkampf propagiert habe und wie die Deutschnationalen von einem "Anschlussstreben" geprägt gewesen sei. In diesem Zusammenhang nennt Kindermann die Ereignisse des 4. März 1933, als sich nach seiner Sicht das österreichische Parlament selbst ausschaltete, einen "Schildbürgerstreich" und eine "Blamage" für den Parlamentarismus, worauf Dollfuß schnell reagiert habe, indem er diesen Umstand für "entsprechende Reformen der Verfassung" nutzen wollte. Kindermann zitiert den Bundeskanzler mit den Worten: "Es muss ein Weg und eine Form gefunden werden, die in der so
schweren und harten Zeit eine stärkere Führung der Regierung ermöglichen und eine dem Wohle des gesamten Volkes gerecht
werdende und nicht nur auf den Stimmenfang eingestellte
Gesetzgebung gewährleisten kann." Der daraus resultierende "schwarz-rote Bruderkrieg" habe sich in der Folge als Schwächung des österreichischen Abwehrkampfes erwiesen.

Dollfuß sei es zunächst aber gelungen, durch geschicktes Agieren in Italien in Mussolini einen Garanten für Österreichs Eigenständigkeit zu gewinnen, was sich im Juli 1934 für den Sieg über die aufständischen Nationalsozialisten als mitentscheidend herausgestellt habe. Mit dem dabei jedoch erfolgten Ableben Dollfuß´ habe der österreichische Widerstand aber seinen wichtigsten Protagonisten verloren, dessen Sieg so ein posthumer geworden sei. Dennoch sei es Österreich unter Dollfuß´ Nachfolger Schuschnigg noch vier weitere Jahre lang gelungen, den deutschen Begehrlichkeiten zu trotzen, ehe die Nationalsozialisten schließlich doch obsiegten. Ein Abschnitt über die europäische Dimension des österreichischen Widerstandes und ein Ausblick auf die Zeit nach dem März 1938 runden Kindermanns Werk ab.

Gottfried Kindermanns Buch "Österreich gegen Hitler" ist im
Verlag Langen-Müller erschienen, umfasst 480 Seiten und ist im Buchhandel zum Preis von 29 Euro erhältlich. (Schluss)

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