"Die Presse"-Kommentar: "Paarweises Unglück" von Michael Prüller

Ausgabe vom 3.4.2003

Wien (OTS) - Das Unglück tritt immer paarweise auf - wie die Ohrfeigen oder die Würsteln. Dieser alte Spruch war aber auch schon der letzte Anflug von Lustigkeit in dieser Glosse. Denn das Thema ist todernst: die Schwere Akute Atemwegserkrankung Sars. Es ist möglich, dass 2003 als das Jahr in die Geschichte eingeht, in der der moderne Mensch des postindustriellen High-Tech-Zeitalters durch den Doppelschlag Irak_Sars die Brüchigkeit der Fundamente wiederentdeckt hat, auf denen sein Wohlstand und sein Optimismus ruhen.
Der Irak-Krieg hat uns in Erinnerung gerufen, dass die Welt im Großen immer noch eine Anarchie ist, trotz aller Schönwetter-Vorstellungen von einer globalisierten, friedlich interagierenden Weltwirtschaft. Vom "Ende der Geschichte" sind wir weit entfernt _ und zwar wirklich auch wir, und nicht nur Amerikaner und der Nahe Osten.
Und jetzt noch die letale Sars-Epidemie, von der wir auch nicht wissen, wann sie enden, wie sie ausgehen wird. Von deren Wirkung auch auf uns wir keine Ahnung haben. Sars wird in den Medien, wenn es so weitergeht, bald die Irak-Berichterstattung eingeholt haben. Für die Wirtschaftsforscher hat die Epidemie bereits die Dimension des Krieges angenommen, ja mehr noch: Gerade Asien, auf dessen Wirtschaft der Irak noch relativ wenig gewirkt hat, erlebt nun durch Sars die größte Gefahr seit dem Finanzzusammenbruch 1997. Und für die ohnehin schon moribunde Flug- und Tourismusindustrie sind die Krankheitsfolgen gar nicht abzuschätzen.
Und selbst wenn der Krieg in ein paar Wochen aus und Sars unter Kontrolle gebracht ist, wird der Schock tief sitzen. Zu fürchten ist:
tiefer als jegliche, für einen Aufschwung nötige Erleichterung.

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