Rattle zum Krieg und zur Zukunft der Osterfestspiele

Wien (OTS) - Sir Simon Rattle, neuer Chef der Salzburger Osterfestspiele und Dirigent der "Fidelio"-Neuinszenierung am 12. April, gewährte für die morgen erscheinenden NEWS-Ausgabe eines seiner raren Einzelinterviews. Dort äußert sich der britische Staatsbürger auch sehr deutlich gegen den Irak-Krieg.

Rattle zu NEWS:"Wie haben Orwells "1984" schon lang erreicht. Beethoven hat eine sehr interessante Oper über alles geschrieben, was heute passiert. Auch sein Sinn für das Absurde und Groteske passt da hinein. Der Feind, gegen den jetzt gekämpft wird, ist nicht der Feind aus den offiziellen war games. Die Idee, dass man von Leuten, deren Städte man niederbombt, glücklich willkommen geheißen wird, ist verrückt. Bisher lagen alle weltpolitischen Karten auf einem großen Tisch - weit weg vom Ideal, sehr korrupt, sehr zynisch, aber irgendwie funktionierte es. Jetzt wurden alle Karten in die Luft geschleudert, und wie sie herunterfallen, ist vollkommen ungewiss. Und wer glaubt, nur die Herzkarten werden auf den Tisch fallen, und die anderen irgendwo unter den Tisch, der ist ein Narr. Keiner kann sagen, wo die Welt im Herbst stehen wird. Auf jeden Fall wird sie ein neuer Ort sein. Meine Enkel werden in den Geschichtsbüchern lesen, dass dieser Krieg so folgenreich gewesen sein wird wie der Fall der Berliner Mauer. Business as usual ist auch in der Musik nicht mehr möglich."

Für die kommende "Fidelio"-Premiere kündigt Rattle eine unpathetische, neue Deutung an: "Diese Oper wurde während des 20. Jahrhunderts ständig vergewaltigt, und das ist eine Schande, denn es handelt sich um ein humanes Meisterwerk. Natürlich ist das in gewissem Sinn eine politische Oper. Aber es war fast ein Schock, als ich die Partitur dieses Werks, das ich so oft gesehen hatte, aufschlug. Ich bin draufgekommen, dass das Stück in der Aufführungspraxis mit Steroiden gemästet wurde. Es wurde immer wuchtiger und schwerer, das Tempo immer langsamer, die Stimmen der Mitwirkenden immer größer und lauter. Seit dem 2. Weltkrieg musste es Dinge transportieren, mit denen es nichts zu tun hatte. Dabei ist er dem Geist Haydns und Mozarts näher als dem Wagners, und es ist der Geist der Aufklärung."

Rattle bestätigt gegenüber NEWS Pläne für die Osterfestspiele der kommenden Jahre: 2004 spielt man Mozarts "Così fan tutte" (wegen des riesigen Hauses wird man mit der Inszenierung weit ins Publikum hineingehen), in weiterer Folge sind "Peter Grimes" von Britten und Wagners "Ring des Nibelungen" geplant.

An der Wiener Staatsoper dirigiert Rattle in der nächsten Saison drei Repertoirevorstellungen von Wagners "Parsifal" ("das hat mit meiner Liebesbeziehung zu den wunderbaren Professoren, den Wiener Philharmonikern, zu tun - einmal im Leben wollte ich sie beim täglichen Business erleben, das ist mein Geschenk an mich selbst zum 50. Geburtstag"), aber keine Neuproduktion: "Das Repertoiresystem mit ständig wechselnden Besetzungen interessiert mich nicht."

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