OÖNachrichten 28. März 2003 "Großer Bruder, kleiner Bruder" von Dietmar Mascher

Vor ziemlich genau drei Jahren geisterten die ersten handfesten Gerüchte herum: Die HypoVereinsbank (HVB) beteiligt sich an der Bank Austria oder übernimmt sie ganz. Kurze Zeit später war der Deal perfekt. Die große deutsche Bank schluckt die im internationalen Maßstab kleine Bank, die immerhin die größte Österreichs war und nach wie vor ist. Der große Bruder hat den kleinen Bruder übernommen. Gestern, Donnerstag, bestätigte die HVB, dass ein Viertel der Bank Austria wieder nach Österreich zurückwandert. 25 Prozent der BA sollen an der Wiener Börse platziert werden.
Denn die HVB braucht Geld. Die deutschen Banken krachen. Sie werden nicht fallen, aber es knistert gewaltig im Gebälk. Und der Börsegang ist Ausdruck dessen, dass man in München Geld benötigt. Schließlich hat die HVB im Vorjahr erstmals rote Zahlen geschrieben. Mehr als 800 Millionen Euro Vorsteuerverlust waren es. Der Umbau des Konzerns, um schlagkräftig zu werden, soll etwa das Doppelte kosten. Diesen Betrag könnte ein Teilverkauf der BA bringen. Aber das ist in derart sprunghaften Zeiten nicht gewiss. Gestern reichten die veröffentlichten Erlösschätzungen von 800 Millionen bis zwei Milliarden Euro.
Bei so hohen Zahlen verschwimmen bisweilen die Dimensionen. Ein Beispiel zeigt aber deutlich, was so auf den Finanzmärkten in den vergangenen drei Jahren passiert ist. Im Jahr 2000 kostete die HypoVereinsbank die Bank Austria-Übernahme etwa sieben Millionen Euro. Heute ist die gesamte HVB an der Börse weniger wert.

Wenig überraschend daher, dass gestern die Kleinanlegervertreter verärgert an die alten Zeiten erinnerten. Die Bank Austria-Aktionäre erhielten damals kein Abfindungsangebot, sondern HVB-Anteile. Laut Gutachten handelte es sich um eine Übernahme. Und genau das hätte erfordert, dass die Aktionäre nicht mit HVB-Aktien abgespeist werden hätten dürfen. Damals, so die Verheißung, sei dies ein Wertzuwachs gewesen. Mittlerweile wird nicht nur Versicherungschefs schlecht, wenn sie an ihr HVB-Paket denken. Auch die Stadt Wien hat, wie sich nun deutlich zeigt, viel Geld verloren. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass sie gestern vorzeitig abwinkte. Nein, man werde keine Bank Austria-Anteile zeichnen, wenn diese wieder an die Wiener Börse zurückkehrt. Und fraglich ist dabei auch, ob ehemalige Kleinanleger wieder zu überzeugten BA-Aktionären werden. Vielleicht sollten die verbliebenen jetzt HVB verkaufen und BA kaufen?!

Aus heutiger Sicht zeigt sich auch, dass der Automatismus .Großer schluckt Kleinen, wächst weiter und gewinntu nicht allgemein gültig ist. Vor allem dann nicht, wenn der Große in Deutschland sitzt. Denn die HVB ist nicht die einzige deutsche Bank, die Grund zum Jammern hat. Viele einstige Vorzeigebetriebe in Deutschland sind entzaubert. Die HVB kann noch von Glück sprechen, dass sie ein österreichisches Töchterchen hat, das über die Börse Wien Geld aus dem Ausland (sprich: Österreich) bringen kann.

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