"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Nicht verhandelbar" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 27. März 2003

Innsbruck (OTS) - Klar ist: Wenn Lehrer am Sonntag oder in den Ferien streiken, fällt es niemandem auf. Andererseits liegt ein pikanter Denkfehler in der Idee der AHS-Lehrer, während der Unterrichtszeit gegen die Kürzung von Unterrichtszeit zu protestieren.
Zu diskutieren gibt es allerdings tatsächlich viel. Zum Beispiel, welche Fächer in welchem Ausmaß gekürzt werden können.
Die Debatte krankt daran, dass sich ideologische und wirtschaftliche Argumente mischen, dass Interessensvertreter ihre eigennützigen Motive als die vitalen Interessen der Allgemeinheit verkaufen und dass die verwendeten Begriffe schwammig sind. Wer etwa Lateinstunden kürzen will, zieht sich den Unmut so genannter Humanisten zu. Wer naturwissenschaftlichen Fächern nahe tritt, muss sich den Vorwurf anhören, dass es mit der Allgemeinbildung (die immer von Menschen definiert wird, die ihren jeweiligen Wissensstand für das gültige Maß halten) von Maturanten ohnedies nicht weit her sei. Und wer einige Deutschstunden für verzichtbar hält, gerät unweigerlich in die Kanon-Debatte (Was muss ein Maturant gelesen haben?) hinein.
In der aktuellen Diskussion als erster "Au!" geschrien hat ein Vertreter jenes Faches, das offiziell immer noch "Leibesübungen" heißt. Österreichs oberster Turnlehrer Martin Molecz hat gute Argumente. Alle einschlägigen Untersuchungen kommen zum Ergebnis, dass sich Kinder ohnehin zu wenig bewegen und zu viel Zeit (in der Schule, vor dem Computer) sitzend verbringen. Mag sein, dass eine Turnstunde weniger keinen messbaren Beitrag zur Verschlechterung der Volksgesundheit leistet. Aber das Signal ist klar und passt zu den Selbstbehalten beim Arztbesuch: Der Vorsorge wird weniger Gewicht beigemessen.
Turnstunden sind also nicht verhandelbar. Warten wir auf die Debatte - und die kommt bestimmt! -, ob im Kulturland Österreich eine Reduktion des Musik- und Kunstunterrichts vertretbar wäre. heisz@tt.com

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