"Die Presse"-Kommentar: "Ist Saddam doch kein Böser?" von Gerhard Bitzan

Ausgabe vom 27.3.2003

Wien (OTS) - Es klingt paradox: Aber George Bush und Tony Blair können eigentlich froh sein, dass es in der arabischen und moslemischen Welt bestenfalls Scheindemokratien gibt. Denn andernfalls würde es zwischen Casablanca und Jakarta wildere Debatten in den Parlamenten geben und es würden die Proteste auf den Straßen nicht so relativ geordnet wie bisher über die Bühne gehen.
Die arabischen Regimes müssen wegen der Irak-Krise gleich einen mehrfachen Spagat hinlegen. Sie sind intern gespalten in einige Kriegsbefürworter (Kuwait und Katar) und viele Kriegsgegner. Sie müssen zudem vor ihrem eigenen Volk erklären, warum sie sich von den USA bezahlen lassen und deswegen nur schaumgebremst protestieren. Und sie müssen versuchen, die wachsende anti-amerikanische Stimmung in der Bevölkerung in den Griff zu bekommen.
Hier aber lauert langfristig die größte Gefahr, die dieser Krieg gegen Saddam Hussein mit sich bringt. Je länger die Kämpfe dauern, je mehr Bomben fallen und je mehr Tote es gibt, desto deutlicher kippt die Stimmung in der arabisch-moslemischen Welt. Und plötzlich ist Saddam nicht mehr ein böser Diktator, sondern ein arabischer Bruder, der zum Opfer der US-Hegemonie wurde.
Zugleich wird dieser Waffengang zum Krieg der Kulturen, zum Krieg der Religionen hochstilisiert, in dem der Westen in Gestalt von Mr. Bush die Moslems unterjochen möchte. In Koranschulen und in Moscheen wird zum Dschihad, zum Heiligen Krieg, gegen die Ungläubigen aufgerufen. Besonders Besorgnis erregend ist, dass diese Einstellung immer öfter in Kreisen vertreten wird, die bisher als gemäßigt galten.
Bush und Blair tun sich schon in Europa schwer, ihre Motive darzulegen, in der arabischen Welt sind sie damit völlig gescheitert. Ein Grund dafür ist auch, dass die Araber heute eigene Sender und damit besseren Zugang zu Informationen haben als im ersten Golfkrieg, als sie weitgehend auf CNN angewiesen waren.
Kaum jemand sieht daher ein, warum es Trauer über gefangene oder getötete alliierte Soldaten gibt, wenn zugleich Iraker zu Hunderten sterben. "Zweierlei Maß des Westens" ist wieder zum Schlagwort geworden, und natürlich wird wieder auf Israel verwiesen, das viele UN-Resolutionen nicht erfüllt hat.
Es wäre jetzt falsch zu glauben, diese Wut der Moslems werde explosionsartig zum Ausbruch kommen und Regimes wegfegen; dies verhindern schon die Sicherheitskräfte. Die Auswirkungen sind mittelfristig zu sehen: Viele Menschen wenden sich jetzt verstärkt dem Islam zu und suchen dort ihr Heil; mehr und mehr werden auch für fundamentalistische Stimmen anfällig.
Auf jeden Fall ist das Verständnis zwischen westlicher und arabisch-islamischer Welt nachhaltig gestört. Der Krieg hat nicht nur Bomben gebracht, sondern in den Herzen der Menschen auch tiefes Misstrauen gegenüber dem Westen gesät. Das heißt aber auch, dass die von Bush geplante Nahost-Demokratisierung in eine Welt der Ablehnung hineingepflanzt wird.
Die noch relativ beste Chance wären ein schneller Krieg mit möglichst wenig Schäden und eine gerechte Nachkriegsordnung, also eine, die nicht nur im Sinne der USA und Israels ist. Da dies alles nicht zu erwarten ist, stehen die Zeichen in der moslemischen Welt auf Sturm.

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