DER STANDARD-Kommentar: "Ein Krieg der falschen Annahmen" (von Markus Bernath) - Erscheinungstag 27.3.2003

Von "Befreiung" noch keine Spur: Der Feldzug gegen Saddam läuft nicht nach Plan

Wien (OTS) - Zwei Raketeneinschläge in einem Bagdader Einkaufsviertel sind das erste schwere Fehlbombardement der amerikanisch-britischen Truppen, das in dem nun eine Woche alten Irakkrieg bekannt geworden ist. Fehlbombardements sind unvermeidlich, hatten die Militärs schon vor Beginn dieses Krieges angekündigt. Es wird sie wieder geben, und es macht die Sache nicht erträglicher. Erst recht nicht vor dem Hintergrund eines Krieges, der nicht nach Plan läuft.

Folgt auf das diplomatische Debakel, das die USA bei der Vorbereitung des Irakkrieges erlebten, nun das militärische mit US-Truppen, die sich im Verteidigungsring um Bagdad festfahren, noch massivere Mittel einsetzen, den Tod von noch mehr Zivilisten in Kauf nehmen? Kein Zweifel: Die USA werden ihren Krieg gewinnen - aber um welchen Preis? Wie lange wird Washington die offizielle Linie aufrechterhalten können: schneller Vormarsch auf die irakische Hauptstadt, keine Kämpfe in den Städten, kein zusätzliches Risiko für die eigenen Truppen wie für die Zivilbevölkerung?

Die "Fakten" vor Ort widersprechen der regierungsamtlichen Darstellung in Washington. Weder ist der Widerstandsgeist der irakischen Truppen, der regulären wie der Milizen, gebrochen, noch die Führung in Bagdad demoralisiert. Der "Enthauptungsschlag" gegen Saddam Hussein, mit dem der Krieg überstürzt begann, schlug offenbar fehl. Auch empfängt die Bevölkerung Amerikaner und Briten nicht mit dem Jubel, den zu reportieren doch Journalisten in die Militärkolonnen "eingebettet" wurden.

Schon die Ausgangslage des Feldzugs gegen Saddam Hussein war ungünstig: Die "Koalition der Willigen" ist klein, die zweite Front im Norden des Irak fällt vorerst aus; es gibt keinen Plan für die Zeit nach dem Krieg, der offen auf dem Tisch liegt und von Iraks Nachbarn aktiv unterstützt würde; die Iraker selbst wurden vorher nicht gefragt und äußern sich auch jetzt nicht. "Operation Iraqi Freedom" ist bisher nicht mehr als eine ^Invasion, die sich den Weg durch den Sandsturm freischießt.

"Die Befreiung ist nicht wirklich passiert. Die Iraker haben keinen Aufstand gemacht", quittierte Wesley Clark, der amerikanische Exgeneral und frühere Nato- Kommandeur, die medialen Bemühungen seiner langjährigen Kollegen im US-Verteidigungsministerium. Natürlich: Das Bild der militärischen Lage im Irak ist alles, nur nicht annähernd vollständig. Amerikanische und britische Generäle sparen auf merkwürdige Weise regelmäßig Berichte über die Entwicklung des Kriegsverlaufs im Westen und Norden des Irak aus. Denkbar wäre immerhin, dass sie wie schon 1991 die Öffentlichkeit und das irakische Regime täuschen und dort Truppen für den Sturm auf Bagdad aufbauen, die niemand sehen soll.

Den politischen Fehler in Washington kann das militärische Kalkül jedenfalls nicht mehr wettmachen. Die Bilanz einer Woche Irakkrieg muss ernüchternd für die amerikanische wie für die britische Regierung sein. Es ist ein Krieg, der auf falschen Annahmen der Politiker beruhte, auf den leichten schnellen Sieg, der Hohlheit des Regimes, der spontanen Bereitschaft der irakischen Bevölkerung zur Kooperation mit den Invasoren. Angesichts wachsender Schwierigkeiten werden falsche Annahmen zur Autosuggestion. "Dieser Krieg ist ein Akt der Selbstverteidigung, aber auch der Humanität", erklärte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu Beginn dieser Woche. Die Erde wird von einem Tyrannen befreit.

Kriegsgegner in den USA haben angesichts der kalten Entschlossenheit ihrer Regierung rasch eine historische Parallele gefunden: "A splendid little war" hieß die Erfolgsformel für den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 - ein "glänzender kleiner Krieg" gegen die schwächliche spanische Kolonialherrschaft auf Kuba. Er wurde im Handumdrehen gewonnen und hatte den gewünschten psychologischen Effekt: Das Selbstvertrauen der Nation war wieder gestärkt. Der Irakkrieg im Jahr 2003 ist weit davon entfernt.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/428

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001