Bundespräsident Klestil empfängt Absolventen des Führungslehrganges der Landesveteidigungsakademie

Wien (OTS) - Sperrfrist:. März 2003, 16 Uhr
(Es gilt das gesprochene Wort)

Ansprache von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anl. des Empfanges der Absolventen des Führungslehrganges 2 der Landesverteidigungsakademie, 26. März 2003

Herr Bundesminister, meine Herren Offiziere!

Ich heiße Sie alle sehr herzlich in der Hofburg willkommen und freue mich besonders, heute auch den neuen Herrn Bundesminister für Landesverteidigung zu begrüßen. Wir haben ja bereits letzte Woche – aus Anlass Deines Antrittsbesuches - Gelegenheit zu einem ersten Gedankenaustausch gehabt, wenngleich dieses Gespräch damals vor allem im Zeichen des Kriegsbeginns im Irak gestanden ist.

Und auch heute können wir uns wohl von diesem Thema nicht lösen.

Aber die Umstände, unter denen dieser Krieg ausgebrochen ist und die Abläufe, die seither die Welt in Bann halten, beweisen einmal mehr die zentrale Bedeutung des Begriffes „Sicherheit“- ob man das nun vom Standpunkt des nationalen oder internationalen Geschehens her betrachtet. Es gibt wohl nur wenige Zeitgenossen in diesen Tagen, die diese für die ganze Welt gefährliche Auseinandersetzung gleichgültig lässt. Der Krieg im Irak zeigt in dramatischer Weise, wie sehr die moderne Waffentechnik neue Strategien herausfordert, wie sehr aber auch grundlegende Regeln und Gesetze der traditionellen Kriegsführung nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.

Freilich: Wir Europäer haben aufgrund unserer historischen Erfahrungen schmerzvoll lernen müssen, dass Kriege letztlich keine politischen oder wirtschaftlichen Probleme lösen, vielmehr Menschenopfer, Umweltschäden, Not und Zerstörung mit sich bringen. Daher bedauern wir auch zutiefst, dass es trotz intensiver diplomatischer Bemühungen nicht gelungen ist, das irakische Regime zur schnellen und umfassenden Zusammenarbeit mit der UNO beim Abbau von Massenvernichtungswaffen zu bewegen. Das wiederum hat eine Koalition unter amerikanische Führung veranlasst, mit Waffengewalt eine Lösung zu suchen.

Der österreichische Standpunkt hingegen ist deshalb eindeutig, weil der UNO-Sicherheitsrat Gewaltanwendung gegen den Irak völkerrechtlich nicht legitimiert.

Wir Österreicher nehmen daher auch am Krieg in keiner Weise teil und erlauben den Kriegsführenden auch kein Durchqueren unseres Landes bzw. Luftraumes.

Aber es ist keine Frage, dass wir das Leid der vom Krieg Betroffenen zutiefst bedauern und dass wir mit den Opfern – sowie deren Familien – mitfühlen. Aus diesem Wissen um die Einstellung der Österreicher bin ich überzeugt, dass unsere Landsleute auch die humanitären Anstrengungen nach dem Krieg mittragen werden – so wie wir uns ja stets der Kriegsopfer angenommen haben. Ich erinnere nur an die Luftbrücke für Giftgasopfer im Zuge des Iran-Irak-Krieges von Teheran in unsere Spitäler – eine weitgehend in Vergessenheit geratene Aktion; und an die medizinische Hilfe im Golfkrieg 1991, als unser Bundesheer ein Feldspital eingerichtet hat, das vor allem irakische Kurden aufgenommen hat.

Österreich hat sich überdies stets auch um Kriegsflüchtlinge angenommen – und schon heute ist absehbar, dass dieses Engagement auch im Falle des Irakkrieges neuerlich gefordert sein wird.

Und noch etwas: Weil wir Österreicher in keiner Weise direkt am Konflikt beteiligt sind - sehr wohl jedoch zu vielen Ländern des Nahen Ostens historisch gewachsene Bindungen besitzen - sollten gerade wir nachdenken, was die eigentlichen Gründe für Terrorismus und Gewaltbereitschaft sind.

Es darf nicht das Ergebnis des Krieges sein, dass extremistische und fundamentalistische Gruppierungen einen noch stärkeren Einfluss auf die Politik gewinnen. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass bislang die Möglichkeiten eines tief greifenden Dialogs über die wirklichen Probleme des Nahost-Konfliktes, über die religiösen, ethnischen und kulturellen Spannungen, über die Diskrepanz von reichen und armen Staaten noch nicht hinreichend ausgeschöpft worden sind. Wobei ich selbst bei meinen vielen und freundschaftlichen Kontakten zur islamischen Weit immer wieder auch enormes Interesse an kulturellen und konfessionellen Fragestellungen registrieren konnte – in Saudi-Arabien, in den Emiraten, in Teheran - und auch in Israel.

Gerade deshalb sehe ich auch dem Besuch des syrischen Staatspräsidenten Assad mit größtem Interesse entgegen, der in genau einer Woche nach Österreich kommen wird – und Syrien ist, wie Sie wissen, ein unmittelbarer Nachbar des Irak.

Außer der unmittelbaren Schadensbegrenzung im laufenden Krieg wird eine ganz wichtige diplomatische Aufgabe aber auch darin bestehen, dass die Europäische Union künftighin mit einer Stimme sprechen wird. Wir Österreicher wollen uns dafür im Rahmen der Union einsetzen und auch an der Aufstellung einer europäischen Krisenreaktions-Truppe mitarbeiten.

Ich weiß, dass Ihnen überdies bewusst ist, dass internationale Einsätze jedenfalls mehr und mehr an Bedeutung gewinnen werden. Hohe Professionalität aller Offiziere und Soldaten ist dabei eine wichtige Voraussetzung. Sprachen, Wissen um Partnerschaften, das Einfühlen in fremde Mentalitäten werden wichtiger denn je. Und die Fähigkeiten dazu müssen gefördert und gestärkt werden; etwa auch durch das Zusammensein mit Angehörigen ausländischer Armeen im Rahmen von Lehrgängen wie jenem, der hinter ihnen liegt, und der Sie für außerordentliche Aufgaben in der Zukunft qualifiziert.

Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz. Seien Sie sich bitte immer der hohen Verantwortung bewusst, die auf Sie zukommt. Ich weiß, dass Sie nicht nur mein Vertrauen sondern auch das des Herrn Bundesministers, aber auch Ihrer Lehrer und Kommandanten besitzen.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen herzlich und wünsche Ihnen für die Zukunft jedes erdenkliche Soldatenglück!

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