EU-Gesundheit: Rationierungen und Druck durch Ökonomen

Unterversorgung in Großbritannien - Selbstbehalte in Holland gescheitert - Deutsche Krankenversicherung braucht mehr Geld

Wien (OTS) - Die medizinische Versorgung in den EU-Ländern ist vom zunehmenden Ökonomiedruck und Einsparungen gekennzeichnet. Rationierungen im Gesundheitssystem werden konkret angedacht oder sind teilweise bereits traurige Wirklichkeit. Diesen Schluss zogen Experten aus Großbritannien, Deutschland und Holland bei einer gesundheitspolitischen Enquete in Wien. Geladen zu der Veranstaltung haben die Ärztekammern von Wien und Niederösterreich.****

Laut der britischen Referentin Lorelei Cooke vom Health Policy & Economic Research Unit of the British Medical Association gäbe es in Großbritannien bereits Unterversorgungen sowie regionale Unterschiede in der Bereitstellung einer effizienten Behandlung.

Cooke sprach von "Zuteilungen in der Behandlung auf der Grundlage von Merkmalen, die nichts mit dem medizinischen Bedarf zu tun haben" und nannte dazu auch konkrete Beispiele. So würden laut einem Bericht des Verbands der Schlaganfallgeschädigten aus dem Jahr 1999 immerhin weniger als die Hälfte der Patienten, denen die Einnahme von Aspirin nützen würde, dieses Medikament auch tatsächlich einnehmen. Ebenso belege ein Richtliniendokument der britischen Regierung, dass 1997 lediglich 42 Prozent der Patienten mit erhöhtem Blutdruck erfolgreich behandelt wurden, während dessen 21 Prozent nicht angemessen und 37 Prozent überhaupt nicht behandelt wurden.

Cooke betonte auch, dass es Anhaltspunkte in Großbritannien dafür gäbe, dass Patienten der Zugang zu einer Behandlung aufgrund ihres Alters und ungeachtet ihrer individuellen physiologischen Funktionsfähigkeit verwehrt werde. Es gäbe Fälle von Krankenhausabteilungen, die offizielle Altersbeschränkungen für eine Behandlung kennen würden. "Wenn alleine der physiologische Zustand als Grundlage für die Zuteilung einer Behandlung dient, ist zu erwarten, dass ältere Menschen bei uns im Schnitt wahrscheinlich eher von einer Behandlung ausgeschlossen werden als junge", betonte die Expertin.

Cooke räumte ein, dass die britische Regierung zwar verspreche, sich vor allem der regionalen Unterschiede beim Recht auf Behandlung - im Volksmund oft als "Postleitzahl-Verordnung" bezeichnet -anzunehmen und gegen Altersdiskriminierung im staatlichen Gesundheitsdienst NHS vorzugehen. Sie stellt allerdings auch dezidiert fest, dass es ohne Aufstockung der finanziellen Ressourcen nicht funktionieren werde.

Gefährdung des Solidaritätsprinzips

Die ungelöste Finanzierungsproblematik des Gesundheitssystems stehe, vor allem in Anbetracht der Überalterung der Bevölkerung auch in Holland an erster Stelle der Reformüberlegungen, betonte Loes Markenstein von der Royal Dutch Medical Association. Die holländische Regierung hat darauf mit Selbstbeteiligungen bei medizinischen Behandlungen reagiert, "allerdings nicht mit durchschlagendem Erfolg", betonte Markenstein.

So habe die Regierung beispielsweise 1997 eine Regelung eingeführt, wonach Versicherte in Holland bis zu 20 Prozent der Behandlungskosten bei einem jährlichen Höchstwert von 90 Euro aus eigener Tasche bezahlen mussten. Lediglich einige Leistungen der Gesundheitsfürsorge wie der Besuch beim Hausarzt, Zahnarzt oder bei der Hebamme waren von diesem Selbstbehalt ausgenommen. Das Projekt scheiterte. Markenstein: "Die Eigenbeteiligung wurde 1999 eingestellt, weil die Verwaltungskosten weit über den Einsparungen lagen."

Markenstein betonte, dass "solche Experimente mit der Eigenbeteiligung bei Inanspruchnahme bestimmter Gesundheitsleistungen in Holland als Gefährdung des Solidaritätsprinzips im Gesundheitssystem angesehen werden". Mögliche Negativwirkungen auf das Recht auf Gesundheitsversorgung für niedrige Einkommen gaben Grund zu Alarm.

Jedenfalls gäbe es in Holland "trotz des allgemein guten Gesundheitszustands der Bevölkerung bedeutende Unterschiede, die den Unterschieden im sozioökonomischen Status der Bevölkerung zugeschrieben werden können", sagte Markenstein.

Starre Budgetierungen in Deutschland

Nichts Neues auch beim Nachbarn Deutschland: Obwohl in Deutschland pro Jahr mehr als 140 Milliarden Euro für die Finanzierung der Sozialversicherung zur Verfügung stehen, werfen deutsche Politiker dem System zunehmend mangelnde Effektivität und Qualität vor. Trotz höherer Aufwendungen pro Kopf sei nach Ansicht vieler Experten die Qualität der medizinischen Versorgung in Deutschlang im internationalen Vergleich verbesserungswürdig, betonte Dr. Magdalena Benemann vom Marburger Bund, der standespolitischen Vertretung der Spitalsärzte in Deutschland.

Auf der anderen Seite beklagten die so genannten Leistungserbringer, also Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaindustrie, die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Benemann: "Es gibt starre Budgetierungen, die in den letzten Jahren zum Teil zu erheblichen Einkommenseinbußen bei den Leistungserbringern geführt haben, sowie eine überbordende Bürokratie, unter der vor allem die Ärzteschaft zu leiden hat."

Allen Beteiligten in Deutschland sei klar, dass es zu Veränderungen kommen müsse, um das System zukunftsfähig zu machen, "über den Weg dorthin wird zur Zeit aber heftigst gestritten". Einig sind sich alle Leistungserbringer nur in dem Punkt, dass die demografische Entwicklung, der anhaltende medizinische Fortschritt und die gestiegenen Ansprüche der Versicherten es notwendig machen, insbesondere die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung zu erhöhen. Benemann: "Das kürzlich verabschiedete sogenannte Vorschaltegesetz mit einer Nullrunde für praktisch alle Berufsbereiche im Gesundheitswesen war eine erste Stufe. Eine grundlegende Reform soll noch in diesem Jahr verabschiedet werden. Dazu liegen derzeit aber erst die Eckpunkte vor." (hpp)

(Forts. mögl.)

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